Der jüdische Religionswissenschaftler Jacob Taubes (1923-1987) weist in seinem Aufsatz „Vier Zeitalter der Vernunft“[1] bereits 1956 auf die Wirkungsweise der „westlichen technologischen Vernunft“ hin: „Die asiatischen und afrikanischen Nationen wurden nicht zur westlichen Religion bekehrt, sondern sie werden von den Methoden des westlichen technologischen Denkens überzeugt. Die ‚Wunder‘ der westlichen industriellen Produktion sind weitaus beeindruckender als die ‚Wunder‘ der westlichen Religion.“[2] In seiner Lektüre dieses Textes[3] fasst der Judaist Guiseppe Veltri Taubes‘ Gedanken folgendermaßen zusammen: „Seine These war nicht, dass die Technik gefährlich sei. Seine These war präziser: Die Technik hat die Funktion übernommen, die einst die Religion innehatte. Sie stiftet Gemeinschaft, organisiert Zeit, erklärt die Welt, schafft Sinn – nicht durch Offenbarung, sondern durch Rationalität; nicht durch Gnade, sondern durch Effizienz.“[4]
Taubes treibt diesen Gedanken auf die Spitze, wenn er folgende Genealogie des Vernunftbegriffes herstellt: „Die Entwicklung vom theologischen Begriff der Vernunft zur technologischen Interpretation der Vernunft ist keine zufällige; sie enthüllt die innere Struktur des westlichen Vernunftbegriffes: in allen seinen Formen enthüllt dieser grundlegende Begriff dieselbe Struktur – das Primat des Machtprinzips.“[5] Zieht man die konkreten wirtschaftlichen und finanziellen Verflechtungen unserer Tage hinzu, wird demnach das Zeitalter der Technik „in der schrittweisen Selbstentmündigung des Menschen [enden], der die Maschinen nicht zwingt, sondern Bitten an sie richtet“[6].
In der Lektüre Veltris hat die aktuelle Debatte um die Hervorbringungen der sogenannten Künstlichen Intelligenz, in deren Zentrum die Enzyklika „Magnifica Humanitas“ von Leo XIV. steht, eine Vorgeschichte. Nach der bekanntesten Version der Legende – ihre ältesten Erwähnungen reichen ins 12. Jahrhundert – hat Rabbi Loew, mit vollständigem Namen Jehuda Loew ben Bezalel, der von wahrscheinlich 1525 bis 1609 in Prag lebte, ein stummes menschenähnliches Wesen aus Ton geformt und es durch das Einschreiben des hebräischen Wortes für Wahrheit – Emeth – zum Leben erweckt. Dieses, Golem genannte Wesen folgte seinem Schöpfer und Meister, solange ihm dieses Wort eingeschrieben blieb. Nun geschah es, dass es Rabbi Loew versäumte, dieses Wort vor einem Sabbat zu löschen, so dass sich Golem seiner Kontrolle entziehen konnte und sich verselbständigte. Dieser erschreckende Zustand dauerte so lange an, bis der erste Buchstabe des hebräischen Wortes für Wahrheit entfernt werden konnte, es sich somit in das Wort für Tod – Meth – verwandelte und Golem zerfiel.[7] Die Golems unserer Zeit bestehen nach Veltri nicht aus Ton, „sondern aus Daten – Texten, Bildern und Entscheidungsmustern, welche die menschliche Zivilisation selbst produziert hat. D[iese] Golem[s] w[issen], was wir wissen. [Sie] w[issen] es schneller und vollständiger. Aber [sie] w[issen] nicht, was es bedeutet.“[8]
An dieser Stelle verbindet Veltri seine Überlegungen wieder mit den Gedanken von Jacob Taubes und stellt die entscheidende Frage: „Was passiert mit einer Gesellschaft, die ihre Sinnerzeugung einer Maschine überlässt?“[9] Der Legende nach muss diese Frage ohne Antwort bleiben „seit Rabbi Loew das erste Zeichen aus dem Wort Wahrheit strich“[10]. Mit den Worten Taubes‘ heißt das, dass „die kritische Funktion der Vernunft ausgeschaltet, und die Vernunft [] zu einem Instrument [wird], das die optimale Anpassung von Mittel und Zweck ermöglicht“[11]. Diese „Ausschaltung der kritischen Vernunft scheint die ‚trahison des philosophes‘ in unserer Zeit zu sein“[12].
Ist sie auch der Verrat der Theologen? Die Beantwortung dieser Frage wird in ihrer Fähigkeit zur Unterscheidung liegen. Die Golems unserer Zeit funktionieren technisch und sie sind effizient. Was ihnen fehlt ist nach Veltri „nicht die Leistung, sondern das Wissen um den Sabbat“[13]. Die Frage ist also nicht, „ob sie richtige Antworten geben. Die Frage ist, ob sie erkennen, wann eine Antwort zwar richtig, aber falsch am Platz ist“[14]. Dazu müssten sie lernen „zu wissen, wann sie zu Schweigen“[15] haben. Ob Theologen da etwas beitragen können?