Die carte blanche mit Lis Valle-Ruiz fand am 19. Juni 2026 online statt.
ARTivist Church – Public Theology with a Prophetic Profile
Rev. Dr. Lis Valle-Ruiz verbindet in ihrem Ansatz Homiletik mit Liturgik, Performance Studies, Theopoetik, Trauma Studies sowie postkolonialen, queeren und antirassistischen Perspektiven. Im Zentrum steht eine Predigtlehre, die nicht auf das gesprochene Wort auf der Kanzel beschränkt bleibt. Verkündigung wird als leibliche, symbolische und öffentliche Praxis verstanden, die Körper, Stimme, Ritual, Kunst, Protest und solidarisches Handeln einbezieht
ARTivism – Theopoetics – Prophetic Preaching
Valle-Ruiz entwickelt ihr Konzept des Theological ARTivism an der Schnittstelle von Theologie (theology), Kunst (art) und dem Anspruch auf eine gerechte öffentliche Ordnung (justice). Wo Kunst diesen Anspruch aufnimmt, entsteht ARTivism. Wo Kunst und Theologie zusammenkommen, spricht sie von Theopoetik. Wo Theologie sich mit dem Anspruch öffentlicher Gerechtigkeit äußert, entsteht prophetische Verkündigung. Theologischer ARTivismus verbindet diese Linien: Er spricht nicht nur von einer anderen Zukunft, sondern unterbricht bestehende Machtordnungen und macht eine von Gottes Recht bestimmte Zukunft gegenwärtig und erfahrbar.
An Beispielen aus der Hebräischen Bibel, der Kirchengeschichte und gegenwärtigen Protestkulturen beschrieb Valle-Ruiz drei Facetten verkörperter Verkündigung: symbolische Zeichenhandlungen mit Körpern und Gegenständen, inszenierte Darstellung als Eingriff in Machtverhältnisse und ekstatische Rede. Aktuelle Beispiele reichten von einem Kreuzweg in West Palm Beach über Bree Newsomes Entfernung der Konföderiertenflagge bis zu den „No Kings“-Protesten in den USA.
Impulse
Mit ihrer carte blanche 2026 eröffnet Lis Valle-Ruiz neue Fragen für Homiletik, Liturgik und öffentliche Theologie: Wie kann Verkündigung jenseits der Kanzel leiblich, künstlerisch und öffentlich Gestalt gewinnen? Welche Rolle spielen Symbole, Körper und Orte in einer prophetischen Praxis? Wie können Kirchen Unrecht nicht nur benennen, sondern bestehende gewaltförmige Ordnungen wirksam unterbrechen? Und wie lässt sich eine alternative Zukunft, die von Gottes Recht und Freiheit geprägt ist, schon jetzt erfahrbar machen?
Auf den Vortrag reagierte der Journalist und Autor Arnd Henze, indem er die amerikanische un die deutsche Perspektive miteinander ins Gespräch brachte. Im Mittelpunkt standen Fragen nach der öffentlichen Verantwortung von Kirche, sowie den Chancen und Grenzen eines religiös anschlussfähigen Aktivismus im öffentlichen Raum.
Ein Arbeitsblatt von Lis Valle-Ruiz lädt zur Weiterarbeit ein. Sie geben Anregungen, eigene ARTivistische Werke zu entwickeln und danach zu fragen: Was bricht Gottes Herz? Welche alternative Ordnung der Welt soll sichtbar werden? Und welche theologischen, ästhetischen und öffentlichen Formen können dazu beitragen?
Arbeitsblatt auf englisch
Arbeitsblatt in deutscher Übersetzung
Unter dem Titel carte blanche lädt das Zentrum für evangelische Gottesdienst- und Predigtkultur in verschiedenen Kooperationen einmal jährlich international bedeutende Homiletiker:innen zu einem Thema ihrer Wahl ein. In den vergangenen Jahren haben wir Charles Campbell, Dawn Ottoni-Wilhelm, Frank A. Thomas, Marlene Ringgaard Lorensen, Carina Sundberg, Heidi Neumark, Johann Cilliers, Nadia Bolz-Weber, Anathea Portier-Young, Cas Wepener, Sam Wells, zuletzt Caroly Sharp und Luke Powery erlebt und von ihnen gelernt.
Rückblick:
Carte Blanche 2025 für Luke Powery