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Die Frau // Die Ikone der Gottesmutter // Political Girl

Denken gehört zu Predigt und Liturgie wie die Arbeit an Sprache und Manuskript und das Üben an Sprechen und Auftritt.
Lesend macht sich das Denken auf den Weg. Es gewährt damit zugleich einem Begriff Einlass in seinen denkerischen Vollzug, der einer schlichten aber auch einer komplex lehrhaften Wiederholung meist entgeht: die Differenz.

Jene kleinen Verschiebungen, Abweichungen, Unterwanderungen von dem, was man gewohnt ist – also immer nur erkennt, weil man es schon kennt – bilden den entscheidenden Unterschied zwischen Selbstreferenz und einer denkerischen Praxis, zwischen Selbstbespiegelung und einer spirituellen Praxis, zwischen Selbstdarstellung und einer homiletisch-liturgischen Praxis.

Auf diese kleinen Unterschiede wird es ankommen!Unterwanderungen – ein Blog von Dietrich Sagert

Zu den Besonderheiten der Arbeit von Paul Evdokimov gehört es, dass er seine Biografie aus seiner theologischen Reflexion nicht herausgelassen hat. So führte der frühe und tragische Tod seines Vaters zu einer besonders innigen Beziehung zu seiner Mutter. Sie war es, die ihn an den Glauben heranführte und ihn begleitet hat.[1] 1927, bereits im französischen Exil, hatte er geheiratet und im Zusammenhang seiner Studien immer wieder über die Rolle des Weiblichen, die Rolle der Frau in theologischem Kontext nachgedacht. In seinem ersten Buch über „Dostojewski und das Problem des Bösen“ führte ihn die literarische Figur Aljoscha Karamasow. Dieser wurde von seinem Starets zu einem „verinnerlichten Mönchtum“, welches „das Leben nicht verweigert, sondern es verklärt“ und sich auch einer Frau gegenüber nicht verweigert, sondern die Begegnung mit ihr jenseits von allem Moralismus zu einem ‚Sakrament der Liebe‘ macht“.[2] Diesen Gedanken griff er wieder auf, führt ihn im Sinne einer „Bräutlichkeit (nuptialité) von Mann und Frau, von Christus und der Kirche, von Gott und von allem Fleisch der Erde“ aus und veröffentlichte sie in seinem Bucht: „Ehe, Sakrament der Liebe“ von 1944.[3]  Die Arbeit an diesem Buch stand konkret unter dem „Einfluss einer weiblichen Gegenwart“[4]. Damit meinte Evdokimov seine Frau, Natasha Brunel. Sie war schon länger an Krebs erkrankt, wurde von ihrem Mann gepflegt und starb 1945. Knapp 10 Jahre später, 1954, heiratete Evdokimov erneut, obwohl eine zweite Heirat in orthodoxem Zusammenhang als eine Unvollkommenheit angesehen wurde. Nichtsdestoweniger trägt das Buch, das er als nächstes schreibt, den Titel „Die Frau und das Heil der Welt“ (1959).

„Für Paul Evdokimov ist die verklärte Existenz eine brauthafte (nuptiale) Existenz. Er verneint nicht, dass die Askese des Bruches und der Verweigerung unentbehrlich war und bleibt, um außerhalb des blinden Triebes der Art den unerschütterlichen Charakter der Person sicherzustellen. Aber das ist nicht – jedenfalls nicht nur – seine eigene Berufung noch die des zeitgenössischen Christentums.  Die traditionelle Askese muss zumindest dahin gehend korrigiert werden, den Eros in der paradiesischen Gnade wiederzufinden. Denn die monastische Askese hat in ihrem Kampf die Illusion einer asexuellen Voraussetzung genährt und sich gelegentlich einem Hass des Weiblichen und des kosmischen Lebens, das ihr Ausdruck ist, hingegeben. Evdokimov zeigt die Ärmlichkeit dieser traditionellen Konzeptionen der Ehe auf. Sie sind auf die Familie zentriert und nicht auf die Liebe. Als solche sind sie veritable ‚Handbücher der Zoologie, in der das Paar unter dem Blickpunkt von Produktion und Aufzucht gesehen werden‘[5]. Die Begegnung des ersten Mannes und der ersten Frau in einer Fülle und in einer Unschuld, deren Nostalgie bis in die verzweifelten Forschungen des Erotismus reichen, dieses ‚große Mysterium‘ ist durch Christus wieder hergestellt (restauré) und offensichtlich haben Generationen von kirchlichen Schriftstellern, zölibatär durch Berufung oder Konditionierung, dies ignoriert, soll heißen: verworfen.“[6]

In seinen Büchern hat Paul Evdokimov andere Traditionslinien aufgezeigt und die von ihm geforderte Korrektur in Gang gebracht. Bis in seinen letzten Aufsatz, geschrieben am Vorabend seines Todes, hat er dies Thema verfolgt: „Über das Werden des Weiblichen nach Nikolas Berdiajew“[7]. Darin beschreibt er die „Metapher des Eros“ ausgehend von der Geschichte der „Hochzeit zu Kana“: „Es ist das Wunder von Kana, dem ersten Wunder Christi, deren Erzählung im Ritus der orthodoxen Hochzeit gelesen wird, und die die Vision der Berufung des Aljoscha Karamasow bestätigt. Die menschliche Liebe ist demnach also nicht mehr ‚der Verlust der Jungfräulichkeit, sondern die höchste Verwirklichung des Göttlichen. Genau an diesem Punkt, sagt Berdiajew, beginnt die Verklärung der Welt.“[8]

***

Den Erzählungen eines Chronikers folgend wurde die Ikone der Gottesmutter von Wladimir gegen 1131 von Konstantinopel nach Russland gebracht. Zweifellos kurze Zeit, bevor sie nach Kiew kam, wurde sie von einem griechischen Künstler gemalt und gehört sichtbar der byzantinischen Kunst aus der mazedonischen Epoche an. Die malerische Ausführung zeigt eine erstaunliche Meisterschaft des genialen und anonymen Ikonographen und bezeugt seinen vollendeten Geschmack. 1155 wurde die Ikone von Kiew nach Wladimir überführt, woher ihr Name rührt.  Sie ist berühmt für ihre wundersamen Interventionen. So überstand sie mehrere Brände und die Überfälle der Tartaren. Nach 1395 kam sie nach Moskau. Wie einen wahrhaft heiligen Schatz der Nation fand man sie bei allen wichtigen politischen Ereignissen anwesend.

Die Jungfrau des Typs Hodigitria – diejenige, wie den Weg weist – repräsentiert das christliche Dogma und zeigt ihren Sohn: Er ist der Weg. Sie trägt das segnende Kind auf dem linken Arm. Mit der rechten Hand zeigt sie auf den Erlöser. Die Jungfrau des Typs Èleusa, „Jungfrau der Zärtlichkeit“, drückt das Kind an sich und akzentuiert die mütterliche Seite der Maria. Die Ikone von Wladimir kombiniert die beiden Typen.

 „Als Gott ein Bild der absoluten Schönheit schaffen wollte und gleichermaßen den Engeln wie den Menschen klar die Macht seiner Kunst Zeigen wollte, erschuf er Maria wirklich sehr schön. Er hat in ihr die Anteile der Schönheit, die er auf die anderen Geschöpfe verteilt hatte, vereint und hat sie als Schmuckstück (ornement) aller sichtbaren und unsichtbaren Wesenheiten gebildet. Oder, eher noch, hat er sie gemacht wie eine Mischung aller göttlichen, englischen und menschlichen Vollkommenheiten, eine sublime Schönheit, die beide Welten verschönt (embellir) und sich von der Erde bis zum Himmel erhebt und selbst über den noch hinausgeht…“ (Gregor Palamas).

Keine andere Ikone bringt diese von Palamas inspirierten Worte besser zum Ausdruck als die Ikone von Wladimir. Sie erreicht einen der Gipfel der ikonographischen Kunst durch ihre sublime Perfektion und durch eine solche Reinheit des Stils, den man sich durch nichts anderes übertroffen vorstellen kann.

Sie steht am entgegensetzten Pol vom raphaelitischen Typ der Madonna. Ihre Schönheit steht über jedem irdischen Kanon. Ihr Gesicht ist gewebt von transzendenten Zügen der neuen Kreatur, die ganz vergöttlicht ist. Es ist gefüllt von himmlischer Majestät und trägt zugleich alles Menschliche in sich. Darin besteht sein Wunder. Derjenige, der diese Ikone gesehen hat, vor allem das Original, kann seinen Anblick niemals vergessen. Ebenso wie seine Mutter die Worte ihres Sohnes in ihrem Herzen bewahrte (Lk 2,51) bewahrt der Betrachter diese Vision. Sie vergräbt sich für immer in sein Herz, wie die Perle, von dem das Evangelium spricht.     

Das Kind ist weit entfernt von der berührenden Naivität eines bambino Gésu. Es ist auch das Wort, immer überkleidet von Gewand des Erwachsenen, Tunika und Mantel, hymation, nur die Größe zeigt an, dass es sich um ein Kind handelt. Sein ernstes und majestätisches Gesicht spiegelt die göttliche Weisheit. Sein Gewand ist gewebt aus ätherischen Goldfäden, Glanz der Sonne ohne Untergang, Farbe der göttlichen Würde.

Das Zentrum der Komposition befindet sich zugleich auf der Höhe des Herzens der Jungfrau und auf dem Niveau des Halses des Kindes, Atem genannt. Es symbolisiert den Atem des Heiligen Geistes, der auf dem Wort ruht.

Die Mutter trägt über ihrem Kleid das maphorion, das ihren Kopf umhüllt. Es ist gesäumt von einer edlen Borte und geschmückt von drei Sternen, einen über der Stirn und die beiden anderen über den Schultern. Sie sind dogmatische Zeichen ihrer andauernden Jungfräulichkeit. 

Die Komposition hat die Form eines Dreiecks, das in ein längliches Rechteck eingeschrieben ist, wie das Geheimnis der Trinität in das Sein der Welt. Die Spitze des Dreiecks ist leicht nach rechts verschoben, was eine gewisse Freiheit und lebendige Geschmeidigkeit in den Gesamtzusammenhang einführt. Die rechte Schilter der Mutter, übernimmt die Rückenlinie des Kindes, schafft so einen Kontrast zu etwas erhöhten linken Schulter und unterbricht jegliche Monotonie der Konturen.

Das Gesicht der Mutter ist verlängert, die Nase lang und spitz, der Mund dünn und gerade, die großen Augen dunkel unter geschwungenen Wimpern. Die Augenbrauen sind leicht erhoben, die Falten zwischen den Augen, die Festigkeit der Augen, die ins Unendliche schauen, verleihen dem Gesicht den Ausdruck einer dichten und wissenden Betrübnis, die enden des Mundes verstärken diese Traurigkeit. Die Schatten der Wimpern machen die Pupillen dunkler und lassen die Augen wie versunken in eine undurchdringliche Tiefe erscheinen, unerreichbar für die Augen des Betrachters. Die Augen des Kindes sind ein wenig empfindlich dargestellt, was sie weit geöffnet erscheinen lässt. Sein Mund ist voll und groß.

Die Jungfrau trägt das Kind im rechten Arm. Die linke Hand berührt sie gerade so und empfiehlt das Kind den Blicken der anderen. Das Kind drückt sein Gesicht gefühlvoll gegen das seiner Mutter. Es geht ganz im Impuls ihrer Zärtlichkeit und Tröstung auf. Seine Aufmerksamkeit ist gespannt auf die Geisteshaltung seiner Mutter sichtbar auf die Bewegung ihrer Augen ausgerichtet, die sich schon auf eine weitere ikonographische Komposition bezieht, die der Grablegung: „Beweine mich nicht, oh Mutter…“

Das Kind hat für seine Mutter eine Geste des versichernden Streichelns. Eine Hand umarmt ihr maphorion, die andere ist zärtlich auf ihren Hals gelegt. Die Mutter ist vom Schatten der kommenden Leiden erfasst. Ihr Kopf ist leicht dem Kind zugeneigt und macht die Majestät der Mutter Gottes weicher. Sie ist das Bild der Kirche und trägt in sich das Heil, das sie noch erwartet. Sie bekennt und betrachtet die Auferstehung durch das Kreuz hindurch.

Rubljow kannte diese Ikone der Jungfrau. Wer kann die undurchdringliche Tiefe des Blickes des Vaters auf der Ikone der Dreifaltigkeit beschreiben, die die Tiefe, die erstaunlicher Weise die Dichte und das Mysterium des Blickes der theotokos von Waldimir trifft? Der Erguss der Liebe ist in beiden Ikonen durch dieselbe Bewegung des geneigten Kopfes unterstrichen. Die Liebe des Vaters ist gekreuzigt, während ein Schwert die Seele der Mutter durchsticht. Auf der Ikone der Dreifaltigkeit fühlen wir das Mysterium der göttlichen Agape, die ihre eigene Transzendenz transzendiert. Die Ikone der Jungfrau, die Élousa, zeigt uns die gegenseitige Zärtlichkeit, die Nähe der Gegenwart, die Immanenz des Göttlichen in Christus.

Die Väter plazierten den Beginn der Kirche ins Paradies. Gott kam in der Frische des Abends (Gen 3, 8), um mit dem Menschen zu sprechen. Das Wesentliche der Kirche drückt sich dann aus in der Gemeinschaft zwischen Gott und dem Menschen und kulminiert im Mysterium der Inkarnation, der totalen Gemeinschaft des Göttlichen mit dem Menschlichen, die sich in der Person des Wortes darstellte (hypostasiée). Bis auf wenige Ausnahmen zeigt die Ikone der Jungfrau diese immer mit dem Kind Jesus. Genaugenommen ist diese Ikone die Ikone der Inkarnation oder die Ikone der Kirche: Die höchste Gemeinschaft (communion) des Göttlichen (das Kind- Wort) und des Menschlichen (die Mutter). Mit einer unvergleichlichen Kunst und der größten Zurückhaltung, beschreibt die Ikone die erschütternde gegenseitige Liebe, die göttliche Philanthropie, die „verrückte Liebe“[9] (amour fou) Gottes für den Menschen und als Antwort, in seiner Begegnung die Leidenschaft des Menschen für seinen Gott: „Du, den meine Seele liebt“ (Gregor von Nyssa), „die ins Herz eingewurzelte Liebe“ (Johannes Chrysostomos). Es ist der die Ewigkeit vorausgehende (prééternel) Wunsch Gottes, Mensch zu werden, damit der Mensch Gott werde. Die Ikone bietet uns also die Betrachtung eine Geheimnisses Gottes selbst.

Das Gesicht der Mutter spricht von mütterlicher Liebe. Ihre Augen sind weit offen zum Unendlichen und zugleich ganz nach innen gerichtet. Wir befinden uns in den Herzensräumen (espaces du coeur) der Jungfrau. Das grenzenlose Mitleid mit dem Leiden, das unausweichlich zur menschlichen Existenz gehört und das zum Kreuz führt, ist die einzige Antwort Gottes, der unablässig leidet.  

Man kann die Schreie der zahllosen Seelen Hören, die vor dieser Ikone widergehallt sind während so vieler Jahrhunderte. Die Augen der Mutter folgen dem Schicksal eines jeden Menschen, nichts unterbricht ihren Blick. Nichts hält diesen Antrieb ihres mütterlichen Herzens auf…[10]

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„political girl

21. Februar 2012. In der Christ-Erlöser-Kathedrale führen wir das Punkgebet „Jungfrau Maria, verjage Putin“ auf. Wir protestieren gegen Putins Diktatur und ihre Heiligsprechung durch die Kirche.

Am Vorabend der ‚Wahl‘ des russischen Präsidenten werden wir, Pussy Riot, wegen eines verzweifelten Schreis nach Freiheit zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Verurteilt: Aljochina, Maria Wladimirowna

Geboren 1988

Artikel 213 Absatz 2

Haftstrafe: 2 Jahre

Beginn der Haftstrafe: 04.03.2012

Ende der Haftstrafe: 04.03. 2014“[11]

„freundlicher Faschismus

Am Vergebungssonntag marschieren Truppen über die Krim, dazu der Patriarch: ‚Ich hoffe, die Ukraine leistet keinen Widerstand.‘ Die Polizei marschiert am Maneschnaja-Platz im Zentrum Moskaus auf, um Menschen, die laut ‚Nein zum Krieg‘ Sagen, in Awtosaks zu verfrachten. […]“[12]

Gebet für politische Gefangene

In Cambridge werden wir in eine Kirche eingeladen. Die Kirche ist wie die gesamte Universität von Gärten umgeben. Es ist romantisch. Wladimir Bukowksi lebt hier, ein sowjetischer Dissident, dessen Leben ein sehr großartiges Roadmovie von Gefängnis zu Gefängnis abgeben würde.

Wir sind nur zum Zuhören zum Gottesdienst gekommen. Wir sitzen still auf unseren Bänken. And der Decke münden dünne Steinstiele in Steinblumen. Der Priester beginnt mit dem Gebet: Heute Beten wir für Gewissensgefangene, für politische Häftlinge, die überall auf der Welt hinter Gittern sitzen. 

Vielleicht liegt es daran, dass diese gotische Schönheit mit ihren Gewölbedecken nicht von den Bolschewiken in die Luft gesprengt und nicht von Banditen wieder aufgebaut worden ist. Oder vielleicht ist es der Priester, der zu Gott betet, statt dem KGB zu dienen. Oder es liebt an beiden.

Ich möchte Weinen. Später. Im Moment höre ich nur zu. Dann erscheint mir diese Kirche als ein fremder Ort in einer alternativen Realität. Ich möchte weinen, weil die Kirche, die uns ins Gefängnis gebracht hat, es nicht bei Repressionen durch Gefängnisstrafen belassen hat. Russische Priester gießen Weihwasser über russische Raketen, während wahre russische Christinnen und Christen in ihren Küchen für politische Gefangene beten.“[13]

„Orthodoxe Übernahme

Putin ist dabei, ein neues Reich zu errichten, und das braucht eine neue Kirche. Dieses Reich in seiner neuen Form verschlingt alles, und dabei ist es ihm egal, womit es sein Abendmahl feiert – ob mit Zarismus oder Bolschewismus. Die Kirche arbeite nach der Logik eines KGB-Handbuchs: Die Gegner gelten alle als Verschwörer, sie sind äußere Feinde oder die fünfte Kolonne.

Vater Tichon denkt global: Er enteignet, schreibt die russische Geschichte um, bringt seine Leute in Ministerialämter, erteilt FSB-Offizieren Befehle und bekämpft die ‚falschen‘ Ausstellungen, Theaterstücke und Filme. Er versteht, wie wichtig Kultur und Geschichte sind. Es müssen Bilder geschaffen werden. Klare und richtige Bilder. Er wird regelmäßiger Gast im Kreml, begleitet Putin auf Reisen und unterstützt ihn auf allen Ebenen.  […]

Er war einer der Priester, die im Jahr 2012 Gefängnisstrafen für uns gefordert haben.“[14]

„Familienwerte

Patriarch Kyrill und Vater Tichon wenden sich an Putin persönlich und fordern ihn auf, ein geplantes neues Gesetz zu Prävention von häuslicher Gewalt zu verhindern. Die russisch-orthodoxe Kirche besteht darauf, dass es dem Westen nicht erlaubt werden sollte, die russische Familie zu zerstören. Zargrad TV – der imperiale Fernsehsender des orthodoxen Oligarchen Malofejew- liefert einen Beitrag nach dem anderen über die schrecklichen Konsequenzen, die Gesetze gegen häusliche Gewalt in Europa nach sich ziehen: ‚Männer werden aus ihren eigenen Wohnungen vertrieben!‘ Ultraorthodoxe Milizen organisieren Gottesdienste gegen das feindliche Gesetz. Das Gesetz wird tatsächlich verhindert.“[15]

„gebärt und fürchtet euch

Warum brauchen sie das Patriarchat? Autoritäre Regime müssen auf eine ‚traditionelle Familie‘ setzen. Denn dieses Konstrukt können die Menschen bis in ihre Kindheit zurückverfolgen. Eine Frau sollte ihrem Mann gehorchen und ihm Kinder schenken. Ein Mann sollte seinem Führer patriotisch treu sein und, wenn nötig, auch bereit, für ihn zu Sterben.

Der Körper muss dem Staat gehören. Dem Körper einer Frau darf nicht erlaubt werden, selbst zu entscheiden, ob er gebären will. Dem Körper eines Mannes darf nicht erlaubt werden, selbst zu entscheiden, ob er in den Krieg ziehen will. Da heute niemand einverstanden wäre, einfach nur ein fügsamer Körper zu sein, wird ein System geschaffen, in dem alle Körper innerhalb einer Hierarchie agieren.“[16]

„Jungfrau Maria, verjage Putin

Ich habe keine Worte. Ich bin allein in Zelle 7. Es ist fast Mitternacht. Putins stundenlange Rede im Radio geht zu Ende. Putin spricht über die Flugzeit, die Raketen aus Kiew nach Moskau brauchen. Was ist Wahrheit die Flugzeit von Moskau nach Kiew bedeutet. Es wird Raketenbeschuss geben. Es gibt Krieg.

Sähe man in die Kamera in meiner Zellenecke, sähe man eine rastlose Person ziellos durch die Zelle irren. Sich auf eine Bank setzen. Sich aufs Bett setzen, aber keine Ruhe finden. Der Jahrestag unseres Punkgebetes ist der Tag, an dem der Krieg verkündet wird. Zehn Jahre. Jungfrau Maria, verjage Putin. Tja, wo steckst du jetzt?“[17]

„Gott hat es liegen lassen

Wenn die Kirche nur noch ein Organ für Propaganda ist, wenn Liebe gegen Hass ausgetauscht wird, wenn Verfolgung, Freiheitsentzug, Blutbäder und Morde in Gottes Namen begangen werden, wenn zwei oder drei nicht ‚in seinem Namen‘ versammelt sind, dann ist da niemand. Dann gibt es keinen Gott, weil sie ihn vertrieben haben.

Die belarussisch-orthodoxe Kirche ist ein Ableger der russisch-orthodoxen Kiche. Die Preister sind verpflichtet, das sogenannte ‚Gebet fürs heilige Russland‘ aufzusagen, ein Gebet, das den Sieg über dien Antichristen gewährt. Dabei steht der Antichrist für ‚den gesamten Westen mit seinen Schwulenparaden‘. Später wird ein Priester in diesem boshaften Gebet das Wort ‚Sieg‘ durch das Wort ‚Frieden‘ ersetzen, und man wird ihn dafür seines Amtes entheben.  

In den Kirchen stellen sie Kollekten für die Streitkräfte auf, sammeln Kleider und Zigaretten fürs Militär, besprenkeln Panzer mit Weihwasser. In der Sonntagsschule weben Kinder Tarnnetze. Der Patriarch wird gefilmt, wie er dem Chef der russischen Garde eine Ikone überreicht. An der Front taufen Priester Soldaten in schwarzen Leichensäcken. Dreihundert Priester unterzeichnen einen Brief, in dem sie ein Ende des Krieges fordern. Alle verlieren Amt und Würden.“[18]


[1] Vgl. Olivier Clément, Orient-Occident. Deux Passeurs. Vladimir Lossky, Paul Evdokimov, Genève 1985, S. 106.

[2] A.a.O., S. 111.

[3] Ebd.

[4] A.a.O., S. 114.

[5] Paul Evdokimov, Die Frau und das Heil der Welt, Moers 1989, S.33. Zitiert und übersetzt nach Olivier Clément, Orient-Occident, a.a.O., S. 165.

[6] Olivier Clément, Orient-Occident, a.a.O., S. 165.

[7] Paul Evdokimov, „Le devenir du féminin selon Nikolas Berdiaiew” in: Contacts n° 100, 4e trim. 1977.

[8] Olivier Clément, Orient-Occident, a.a.O., S. 165.

[9] Ausdruck von Nikolaus Cabasilas.

[10] Auszug aus: Paul Evdokimov, L’Icône de Notre Dame de Vladimir, in ders., L’Art de l‘Icône. Théologie de la Beauté, Paris 1972, S. 217-223.

[11] Maria Aljochina, Political Girl – Pussy Riot. Leben und Schicksal in Putins Russland, Berlon 2025, S. 9.

[12] A.a.O., S. 41.

[13] A.a.O., S. 70f.

[14] A.a.O., S. 133.

[15] A.a.O., S. 183.

[16] A.a.O., S. 184.

[17] A.a.O., S. 445.

[18] A.a.O., S. 518.

Referenzen