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Briefe aus dem Gefängnis // Riot Studio // Die Ikone der Weisheit

Denken gehört zu Predigt und Liturgie wie die Arbeit an Sprache und Manuskript und das Üben an Sprechen und Auftritt.
Lesend macht sich das Denken auf den Weg. Es gewährt damit zugleich einem Begriff Einlass in seinen denkerischen Vollzug, der einer schlichten aber auch einer komplex lehrhaften Wiederholung meist entgeht: die Differenz.

Jene kleinen Verschiebungen, Abweichungen, Unterwanderungen von dem, was man gewohnt ist – also immer nur erkennt, weil man es schon kennt – bilden den entscheidenden Unterschied zwischen Selbstreferenz und einer denkerischen Praxis, zwischen Selbstbespiegelung und einer spirituellen Praxis, zwischen Selbstdarstellung und einer homiletisch-liturgischen Praxis.

Auf diese kleinen Unterschiede wird es ankommen!Unterwanderungen – ein Blog von Dietrich Sagert

Nachdem drei Mitglieder von „Pussy Riot“ nach Ihrem „Punkgebet an die Mutter Maria“ im Februar 2012 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt wurden, hat das deutsche Philosophie Magazin einen Briefwechsel zwischen dem slowenischen Philosophen Slavoj Žižek und der Aktivistin und Philosophin Nadeschda Tolokonnikowa angeregt. Er fand von Januar bis Juli 2013 unter Aufsicht der russische Zensurbehörden statt und wurde in der Winterausgabe Nr. 1 2014 des Magazins schließlich veröffentlicht.

In ihrem ersten Brief schreibt Nadeschda Tolokonnikowa unter anderem: „Es hat sich gezeigt, dass Pussy Riot zu den Kräften gehört, die zur Kritik, zur künstlerischen Kreativität und Mitschöpfung, zum Experiment und zur unentwegten Provokation berufen sind. Wir sind, laut Nietzsches Differenzierung, Kinder des Dionysos. Wir fahren in einem Fass zur See und erkennen keine Autorität an. Wir sind Teil der Kräfte, die keine letzten Antworten und keine absoluten Wahrheiten bieten, weil unser Dienst etwas anderes leistet: Stellen wir nicht vielmehr die Fragen?“[1]

Und neben vielen anderen Überlegungen gibt Slavoj Žižek diesem Gedanken direkt eine unerwartete Wendung: „Wir sollten nicht davor zurückschrecken, uns hier, so wie Du es tust, auf die Tradition der ‚Narren in Christo‘ berufen.“[2] 

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Etwas mehr als zehn Jahre später hat Nadeschda Tolokonnikova Slavoj Žižek in ihr Atelier „Riot Studio“ nach Los Angeles eingeladen, um mit ihm über „Glauben, KI, Christentum, Liebe und was uns retten kann“[3] zu sprechen. Lange Zeit wirkt das gefilmte Gespräch überbordet vom Žižek-typischen assoziativ verzappelten Redefluss: „I am jumping“. Doch dann kommt Tolokonnikowa in Bezug einer möglichen Unterscheidung zwischen durch Glauben und durch Newagedanken motiviertem Klimaschutz fast schüchtern auf „Sophyinost“ zu sprechen. Žižek versteht nicht gleich: „What?“ und sie insistiert: „Sophyinost, nach dem russischen Philosophen Wladimir Solowjow, der über Sophia schreibt als Leib Christi (the body of Christ), den der Heiligen Geist auf der Erde, durch die Menschheit, durch die Materie (matter) materialisiert, eben als diese Sophia, Weisheit.“[4] Und als Žižek daraufhin sofort auf Christus kommt, um zu erläutern, dass er mit ihm in Bezug auf Weisheit Probleme hätte, denn er sei eher ein nichtweiser Verrückter (a non-wise madman), unterbricht sie nun streng: „Fuck Christ, I am talking about Sophia!“ Tolokonnikowa schildert Žižek, dass sie auch in seinem Buch „Christlicher Atheismus“ darüber gelesen habe und fasziniert darüber war, dass Žižek überhaupt Solowjow gelesen hatte…

In besagtem Buch beobachtet Slavoj Žižek ein unerwartete „Wiederbelebung des Denkens des ‚Göttlichen‘“ im Zusammenhang der „neuen Biowissenschaften und Biotechnologien“ und verweist auf dessen „lange Geschichte“. Sie habe ihren Ausgangspunkt im „sogenannten ‚Kosmismus‘, bei dessen Begründer es sich um den russischen Philosophen und Theologen Wladimir Solowjow (1853-1900) handelt“. [5] Demnach besteht das Besondere des Christentums darin, „dass in ihm ‚das Wort Fleisch geworden‘ ist“ und damit die Materie „als dem Geist gleichwürdig anerkannt“ wurde.[6] Vor diesem Hintergrund begreift Solowjow „die Sophia als die weibliche und zugleich materielle Dimenson Christi, als den verklärten Leib Christi, ganz so, wie er auch die Kirche als den mystischen Leib Christi begreift.“[7] 

…aber leider kommen Tolokonnikowa und Žižek in ihrem Gespräch nun vom Thema ab.

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Wenn man die Tradition durchquert, kann man mehreren Figuren der Weisheit Gottes (Sagesse de Dieu) herausarbeiten: 1) Bild des fleischgewordenen Wortes ausgehend von 1 Kor 1, 24; 2) bei den heiligen Theophil von Antiochien und Irenäus ist die Weisheit nicht das Bild der zweiten, sondern der dritten Hypostase, des Heiligen Geistes; 3) das Bild der trinitarischen Energie (im Palamismus); 4) schließlich findet die Weisheit ihr Bild in der Jungfrau; und 5) in der Kirche.

Dieser symbolische Reichtum warnt davor, nur eine einzige Bedeutung zu isolieren. Die Weisheit ist das Attribut des dreieinigen Gottes und besitzt eine Pluralität der Figuren. Vor allem ist die Weisheit der Ort der Äußerung (manifestation) jeder Hypostase, genauer gesagt und nach dem klassischen Schema des Vaters ist sie die Offenbarung des weisen Vaters (père-le Sage) im Sohn-die Weisheit (Fils-la Sagesse) durch den Heiligen Geist der Weisheit (Saint Esprit-de Sagesse). Auf der Ebene des Heilsökonomie ist die Weisheit der Ort der Dyade Sohn-Geist, die den Vater offenbart. Deshalb kann sie mit dem Sohn identifiziert werden genauso wie mit dem Heiligen Geist. Die Annäherung an den Sohn ist verbreiteter, weil der Sohn das fleischgewordene Wort ist und die menschliche Gestalt besitzt.

Im 14. Jahrhundert mit Gregor Palamas verwirklicht die Tradition eine doktrinale Synthese in Bezug auf den Heiligen Geist. Die ungeschaffene Energie ist untrennbar vom Heiligen Geist. Der Palamismus arbeitet die Unterscheidung zwischen dem Geist (mit Artikel) und der Person des Geistes (ohne Artikel) als Energien (énergie) aus. Daraus folgt eine Unterscheidung zwischen der wesenhaften Ebene (plan essentiel) und der Ebene der energetischen Äußerungen (manifestation énergétique). Hatte die Patristik die geheimnisvolle Realität der Sophia-Weisheit bald mit dem Heiligen Geist identifiziert und bald – aber öfter – mit dem Wort, so hat der Palamismus in ihr die göttliche Energie gesehen, im Sohn manifestiert, aber den Drei Personen der Dreifaltigkeit gemeinsam und kommuniziert im Heiligen Geist: Weisheit, durch die und in der Gott das Universum geschaffen hat“ (Gregor Palamas). Der Patriarch Philoteus präzisiert: „Die Weisheit ist die gemeinsame Energie der Trinität… Energie, die denen durch den Heiligen Geist gewährt wird, die ihrer würdig sind.“

Die Ikonographie folgt der Tradition und zeigt die Weisheit als eine weibliche Figur mit Flügeln auf dem Hintergrund einer Architektur mit sieben Säulen. „Atem der göttlichen Macht, reiner Ausdruck der Ehre des Allmächtigen“ (Weish 8, 25). Sie „spielt auf der Oberfläche der Erde mit den Kindern der Menschen“ (Prov 8, 31). Hier ist das Göttliche in seiner dominanten Note vor allem wahrnehmbar als Zärtlichkeit und Schönheit (tendresse et beauté).

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Doch die Ikone repräsentiert in höchstem Ausmaß die Ökonomie des Heils, die Weisheit Gottes in ihrer Totalität. Die Farbe Purpur versetzt uns an den Anfang, an die Quelle der Schöpfung. Es handelt sich also um das erste Wort in der Bibel: „Es werde Licht“, die vor-ewige (préeternelle) Morgenröte (das bedeutet die Farbe Purpur), die sich über den Abgrund erhebt, noch bevor dort Leben und Licht sind, aus denen die göttlichen Taten das Sein ziehen werden. Die Sphären um den Engel herum stellen das Universum dar, sie sind von Sternen übersät, von zahllosen Welten. Das ist Gottes Projekt von der Schöpfung. Aber die beiden Figuren, die den Engel umgeben, sind schon da seine Begleiter.

„Am Anfang war das Wort“ (Joh 1,1) und das Evangelium auf dem Ehrenthron ist vom Kreuz überschattet; „Das Wort war Gott“ und die Büste Christi: „Das Wort wurde Fleisch“ (Joh 1, 1; 1, 4); „Das Licht leuchtet in der Finsternis“ (Joh 1,5), das ist der Glanz des Engels über dem gestirnten Hintergrund mit den Sphären und Welten; Die Theotokos zeigt den Christ-Emmanuel (das Bild des ewigen Wortes, das der Schöpfung vorausgeht) und den heiligen Johannes, den Freund des Bräutigams: Sie alle sind die Zeugen der Erfüllung des göttlichen Projektes.

Die präeternelle pupurfarbene Morgenröte kündet den glänzenden Mittag an, das Licht des Tabor und der Parusie, die Sonne des fleischgewordenen Wortes. Christus als Büste senkt seine Hände zum Engel herab mit der Geste dessen, der seine Mission erfüllt hat und zeigt auf das Werk des Geistes, das beginnt. Christus kommt, um das Feuer herabzubringen und nach den Vätern ist das Feuer der Heilige Geist.

In aufsteigender Ordnung entsprechend der vertikalen [Achse] der Ikone offenbart sich die Dreifaltigkeit. Aber in der kreisförmigen Komposition ist der Engel das architektonische Zentrum mit den himmlischen Mächten oben, den Engeln, und mit der Menschheit unten. Das ganze Universum ist versammelt um die Ehre Gottes herum. Der Himmel und die Erde, die Engel und die Menschen bilden eine prächtige Doxologie.

Die Ikone der Sophia reproduziert die Deesis, aber in einer eschatologischen Perspektive transformiert sie das Gericht in die Hochzeit des Lammes. Unsere Ikone zeigt die Ikone des Reiches [Gottes] und das Reich ist nach den Vätern der Heilige Geist. In diese finalen Perspektive ist sie nicht mehr die Morgenräte der Geschichte, sondern die Morgenröte der Ewigkeit. Das Alpha und das Omega vereinen sich. Auf dass das Licht sich auflöst und Schönheit sei. Auf der Ikone der Weisheit können wir diese göttliche Schönheit, die errettet, betrachten.

Das Unaussprechliche des Reiches, seine Vision, überspülen die Seele und bilden einen Vorgeschmack auf das Licht des Achten Tages. Der Heilige Geist lässt die Menschlichkeit Christi erstrahlen – dieses Glasschwert, in dem sich allen Farben der Höhe brechen – und in der Ikone rastlos die Ehre der Dreifaltigkeit.[8]  


Referenzen

  • Philosophie Magazin Winterausgabe Nr.1 2014, S. 19.
  • A.a.O., S. 20.
  • https://library.hrmtc.com/2025/11/06/slavoj-zizek-visits-riot-studio-to-discuss-faith-ai-christianity-love-and-what-can-save-us
  • A.a.O., 43:20ff.
  • Slavoj Žižek, Christlicher Atheismus. Wie man ein wahrer Materialist wird, Frankfurt/M. 2025, S. 229. Žižek weist darauf hin, dass und wie der „Kosmismus“ sowohl innerhalb der Ideologie der Sowjetunion als auch als Bestandteil der Kriegsideologie des aktuellen Russlands rezipiert wird. A.a.O., S. 225-233.  
  • A.a.O., S. 229. Der nachfolgende Satz in Žižeks Analyse markiert sowohl den Anknüpfungspunkt aktueller russischer Kriegsideologie als auch eine in anderen Zusammenhängen stattfindende Kritik an der Moderne: „Das Primat von Geist, Rationalität und Logos gegenüber der Materie, welches die westliche Kultur kennzeichnet und sie mit dem östlichen Buddhismus verbindet, hat seinen Ursprung nicht im Christentum; es rührt vielmehr gerade von der Abkehr des Westens vom Christentum her, durch die sich in erster Linie die Moderne kennzeichnet.“ Ebd.
  • A.a.O., S. 229. Paul Evdokimov hat Solowjow ein Kapitel in seinem Buch „Christus im russischen Denken“ (Trier 1977, S. 120-138) gewidmet und stellt darin folgendes fest: „Um den Abgrund zwischen dem Schöpfer und der Schöpfung zu füllen, hat Solowjew seine Sophiologie eingeführt, deren Lehrinhalt vage und unzusammenhängend ist. Trotz seiner Lücken hat Solowjew eine Schule gegründet und ein originäres philosophisches System geschaffen, und Männer wie Florenskij, Bulgakow, Trubetzkoj und andere mehr werden die schwachen Seiten seiner Anschauungen ausbessern und vertiefen.“ A.a.O., S. 136). In dieser Spur arbeitete auch Evdokimov selbst, dessen Rolle Olivier Clément folgendermaßen beschreibt: „Evdokimovs große Leistung war es, die oft üppig wuchernden, nicht immer ausgewogenen Gedanken der russischen Religionsphilosophen ganz in die Tradition der ungeteilten Kirche eingefügt und so zum Mitbesitz aller heutigen Christen gemacht zu haben. Diesen Dienst hat er auch der ‚Sophiologie‘ erwiesen, die, hart an der Grenze der Häresie, zu einer der fruchtbarsten Strömungen innerhalb der Theologie des zwanzigsten Jahrhunderts wurde.“ Olivier Clément, Das Meer in der Muschel. Zeugnis eines unkonventionellen Christen, Freiburg i.Br. 1977, S. 135.  
  • Paul Evdokimov, L’Art de l’Icône. Théologei de la Beauté, Paris 1972, Auszüge aus dem Kapitel L’Icône de la Sagesse divine, S. 293-300. Übersetzung Dietrich Sagert; die zitierten Bibelstellen sind nach dem französischen Text übersetzt.