scripsi – Worte als Zeugen

Victor Klemperer wieder gelesen

Die aktuelle Lage auf der Welt zeigt einmal mehr die zerstörerische Kraft totalitärer Regime. Sie fressen sich nicht zuletzt in die Sprache. Kaum jemand hat das so genau dokumentiert wie Victor Klemperer.

20. August 2026

„Ich glaube, wo künftig das Wort Konzentrationslager fallen wird, da wird man an Hitlerdeutschland denken und nur an Hitlerdeutschland…“

Kommentar: „An einem Sonntagmorgen [im Juni 2011] bin ich im Komplex von Auschwitz Birkenau angekommen. Es war noch sehr früh, zu einer Uhrzeit, an der der Eintritt noch frei ist – welch ein befremdliches Adjektiv, wenn man daran denkt […].“ (GDH)


19. August 2026

„Die absolute Herrschaft, die das Sprachgesetz […] ausübte, erstreckte sich […] mit umso entschiedenerer Wirksamkeit, als die LTI keinen Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache kannte. […] Alles war Rede, musste […] Aufpeitschung sein.“

Kommentar: Immer wieder beobachtet Klemperer die Redner seiner Zeit. Hitler „sprach, vielmehr schrie immer krampfhaft“. „Nie war Gleichmut, nie Musikalität in seiner Stimme, in der Rhythmik seiner Sätze […]“ Seine Wirkung bleibt eine „ungeheure Tatsache“.


18. August 2026

„‘Vater‘, fragt also ein Junge im Zirkus, ‚was macht denn der Mann auf dem Seil mit der Stange?‘ – Dummer Junge, das ist eine Balancierstange, an der hält er sich fest.‘“

Kommentar: Klemperer erzählt diese Geschichte schon zu Beginn seiner LTI und fügt hinzu: „Mein Tagebuch war in diesen Jahren immer wieder meine Balancierstange, ohne die ich hundertmal abgestürzt wäre“.


17. August 2026

 „Wenn einer lange genug für heldisch und tugendhaft: fanatisch sagt, glaubt er schließlich wirklich, ein Fanatiker sei ein tugendhafter Held, und ohne Fanatismus könne man kein Held sein.“

Kommentar: „Unparteiischkeit – auch für den Besiegten – ist mit Homer in die Welt gekommen: Wenn des Liedes Stimmen schweigen […]. Dann kam Herodot und hat gesagt: Die großen Taten der Griechen und der Barbaren.“ (Hannah Arendt)


16. August 2026

„Was jemand wirklich verbergen will, sei es nur vor anderen, sei es vor sich selber, auch was er unbewusst in sich trägt: die Sprache bringt es an den Tag.“

Kommentar: In diesem Sinne deutet das Motto Klemperers: „In lingua veritas“ (25.4.1937), weniger auf eine Philologie im strengen Sinne, sondern vielmehr auf eine Anthropologie der Sprache, in der alle Dimensionen der Existenz zusammenkommen mit allen Symptomen und Abgründen. (GDH)  


15. August 2026

„Es gab den BDM und die HJ und die DAF und ungezählte andere solcher Abkürzungen. Als parodierende Spielerei zuerst, gleich darauf als ein flüchtiger Notbehelf des Erinnerns, […] als ein an mich selber gerichteter Notruf steht das Zeichen LTI in meinem Tagebuch.“

Kommentar: Im LTI stellt sich Klemperer seiner eigenen Alterität: einerseits als Jude, andererseits als Anwalt der höchsten Werte der deutschen Sprache; er lässt sich nicht trennen von denen, die ihn umgeben, ja bedrohen; er sieht die anderen bis ins Innere ihrer Sprache und ihres Denkens. (GDH)


14. August 2026

„Der Judenhass ist so maßlos geworden, weit schlimmer als beim ersten Boykott, Pogromanfänge gibt es da und dort, und wir rechnen damit, hier nächstens totgeschlagen zu werden. Nicht durch Nachbarn, aber durch nettoyeurs, die man da und dort als ‚Volksseele‘ einsetzt.“ (11.8.1935)

Kommentar: „Als die Deutschen 1941 in die Sowjetunion einmarschierten entwickelte die SS aus eigener Initiative Techniken des Massenmords, ohne konkrete Befehle dazu erhalten zu haben. Die SS-Männer glaubten zu wissen, was ihre Vorgesetzten wollten, und führen vor Augen, was möglich war.“ (Timothy Snyder)


13. August 2026

„Göring sagte in einer Rede vor dem Berliner Rathaus: ‚Wir alle, vom einfachen SA-Mann bis zum Ministerpräsidenten, sind von Adolf Hitler und durch Adolf Hitler. Er ist Deutschland.‘ Sprache des Evangeliums.“ (19.6.1934)

Kommentar: Nach Victor Klemperer stirbt die Wahrheit auf vierfache Weise: Durch offene Feindschaft gegenüber der verifizierbaren Wirklichkeit; Durch millionenfache Wiederholungen; Durch die offene Akzeptanz eines Widerspruches; Durch unangebrachten Glauben. (Timothy Snyder)


12. August 2026

„Gestern, und heute tagsüber war ich sehr zerschlagen, der verstärkte Druck der Lebensgefahr […] Es muss auch so weitergehen. Irgendeine bereichernde Lektüre wird sich schon finden, und das Tagebuch werde ich weiter wagen. Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten.“ (11.6.1942)

Kommentar: Ein Gericht verlangt von einem Zeugen faktische Präzision. Klemperers Zeugenschaft teilt nicht nur Fakten, sondern auch Sensibilität. Sie hält dafür, dass geteilte bzw. mitteilbare Emotionen selbst Teil historischer Fakten sind und so zu politischen Gesten werden. (GDH)


11. August 2026

„Indem erschien Eva vom Einkauf. […] Eva verteidigte sich sehr ruhig: ‚Das Buch habe ich entliehen, mich interessiert Ihre Methode‘ […] Ich sagte Eva nachher, ihre Verteidigung sei ein sehr gewagter Schritt gewesen und könne üble Folgen haben. Sie erwiderte: ‚Die Bestien sind feige.‘“ (11.6.1942)

Kommentar: Martin Walser sprach 1996 von einem dreifachen „Prinzip Genauigkeit“ in Klemperers Tagebüchern, von epistemischer, ethischer und affektiver Genauigkeit. Wie ein Seismograph zeigt es eine Empfindsamkeit, die sich von den Umständen anrühren lässt.


10. August 2026

„Ich glaubte schon aus der Gefahr zu sein, als ‚Der Mythos des 20. Jahrhunderts‘ und mein Notizblatt daneben zur Katastrophe führten. […] Das Buch wurde mir auf den Schädel gehauen, ich wurde geohrfeigt, man drückte mir einen lächerlichen Strohhut auf.“ (11.6.1942)

Kommentar: Um auf vernünftige Weise zu reagieren, muss man zuerst von der Emotion berührt worden sein. Was dem Emotionalen widerspricht, ist nicht das Rationale, sondern die Insensibilität oder die Sentimentalität. (Hannah Arendt)


9. August 2026

„Gestern Mittag gegen halb zwei […] wieder Gestapo, das vierte Mal in vierzehn Tagen. […] Ich war auf einen Stuhl in der Diele gezwungen worden, musste alles mit ansehen und –hören und zitterte immer um mein Tagebuch.“ (11.6.1942)

Kommentar: LTI (Lingua Tertii Imperii) ist in seiner philologischen Analyse ein „Dokument der Wahrheit“. Die „Tagebücher von 1933-1945“ sind ein „Monument des Mutes zur Wahrheit“. Sie bringen eine „Wahrheit der Emotionen“ zu Tage. (GDH)


8. August 2026

„Ich kann das Gefühl des Ekels und der Scham nicht mehr loswerden. Und niemand rührt sich; alles zittert, verkriecht sich.“ (17. 3.1933)

Kommentar: Klemperer gelingt es, das subjektive Gefühl des Ekels zu sozialisieren in eine Scham: „Die Scham, ein Mensch zu sein“ (Primo Levi). Diese Scham ist verantwortlich, sie ist eine geteilte Scham für sich und für andere. (GDH)


7. August 2026

„Seit etwa drei Wochen die Depression des reaktionären Regimentes. Ich schreibe hier keine Zeitgeschichte: Aber meine Erbitterung, stärker, als ich mir zugetraut hätte, sie noch empfinden zu können, will ich doch vermerken.“ (21.2.1933)

Kommentar: Klemperers Wunsch zu schreiben konstruiert sich in einer Art Montage und kombiniert verschiedene Möglichkeiten von Zeugenschaft: aus politischer Sicht, aus ethischer Sicht und aus emotionaler Sicht. (GDH)


6. August 2026

„Meiner Frau Eva Klemperer. […] Denn ohne Dich wäre heute dieses Buch [LTI] nicht vorhanden und auch längst nicht mehr sein Schreiber.“ (1947)

Kommentar: Der Romanist Victor Klemperer überlebte als Jude in Dresden tagebücherschreibend die NS Herrschaft, weil er mit der Pianistin Eva Klemperer, einer sog. Arierin, verheiratet war. Sie brachte auch seine Manuskripte bei einer Freundin in Sicherheit.


Jeden Tag ein Zitat aus seinen Tagebüchern (Datumsangabe) oder seiner LTI.

Hinzu kommt ein Kommentar. Meist inspiriert von Georges Didi-Hubermans Buch über Klemperer „Le Témoin jusqu’au Bout“ (Paris 2022) / deutsch: Zeugenschaft bis zum Letzten (Konstanz 2024) aber auch von Hannah Arendt, Timothy Snyder u.a. Jeweils in Klammern angegeben (GDH) oder mit ausgeschriebenem Namen.