scripsi – Worte als Zeugen

Victor Klemperer wieder gelesen

Die aktuelle Lage auf der Welt zeigt einmal mehr die zerstörerische Kraft totalitärer Regime. Sie fressen sich nicht zuletzt in die Sprache. Kaum jemand hat das so genau dokumentiert wie Victor Klemperer.

15. September 2026

„Die fremden Vorbilder der LTI. Eingestandenermaßen wohl nur der italienische Fascismus. Aber hinter ihm steht der bekämpfte russische Bolschewismus.“

Kommentar: Immer wieder reflektiert Klemperer die Quellen und Herkünfte der LTI, das Prinzip der Übernahme scheint ihm jeweils in einem „Ausschalten des Fremden“ zu bestehen.


14. September 2026

„Die LTI ist von der teutschen Sprache tyrannisch regiert, aber nicht so, dass sie die deutsche Sprache ausgeschaltet, sondern so, dass sie in allen Einzelheiten verwertet und nur eben von der teutschen verseucht wird.“

Kommentar: In allen Bereichen, ob feindlich oder nicht, unternimmt die LTI „verseuchende Ausbeuten“, so auch bei der Theologie und formt aus ihr einen „deutschen Glauben“. Die LTI „greift auch nach dem Fremden, um das Eigene zu bereichern“.


13. September 2026

„Die Sprache des 3. Reiches aber ist immer um mich und lässt mich keinen Augenblick los […] mit ihr lebe ich, für sie sammle und registriere ich absichtslos, beim Aufwachen morgens fällt mir ein: da sagte doch gestern der Herr neben mir…“

Kommentar: Und Klemperer fährt fort: „Aus ihrer Sprache ihren Geist feststellen. Das muss den allgemeinsten, den untrüglichsten, den umfassendsten Steckbrief ergeben.“


12. September 2026

„Die einzige wirkliche Qual, die gar nicht zu betäubende und immer zunehmende, bestand in der völligen Beschäftigungslosigkeit, in der entsetzlichen Leere und Unbeweglichkeit der 192 Stunden.“

Kommentar: Der Gefangene über Klemperers Zelle ging immer auf und ab: tap-tap-tap-tap. „Vier Schritte in diesem Tempo, das waren noch nicht einmal vier Sekunden. Wie viele Schritte kamen auf nur eine Stunde?“


11. September 2026

„Der andere, beim Aufnehmen des Protokolls, fragte: ‚Konfession mosaisch?‘ Das Wort Jude, zum Schimpfwort gestempelt, wurde beiseitegelassen. Es war, als wollte man hier […] nichts gemein haben mit der Judenverfolgung der Gestapo und schäme man sich ihrer ein bisschen.“

Kommentar: Als Klemperer antwortete: „Evangelisch“, sah man verwundert auf: „Aber Ihr Pass?“ – „Dem Gesetz nach, der Abstammung nach“ antwortete Klemperer. „Stillschweigen, noch größere Höflichkeit als zuvor. Ich kam mutiger in die Zelle zurück.“


10. September 2026

„Nur eben ein Käfig, ein nüchterner Käfig mit kahlen graugrünen Wänden und weißlicher Decke, mit undurchsichtiger Fensterscheibe, mit einem vergitterten und von außen durch eine Klappe verschlossenen Guckloch in der Tür.“

Kommentar: Klemperer hoffte, die Strafe „mit Philosophie“ als Erfahrung zu verleben, war aber bei seiner Ankunft schockiert, zumal man ihm Brille und Bücher abnahm und seine Hosen rutschten, weil man ihm auch seinen Gürtel einzog.  


9. September 2026

„Jemand drückte mir einen Zettel in die Hand, darauf stand: ‚Zelle 89‘ und sagte: ‚Drei Treppen – Los!‘ Ober wurde eine der dunklen Türen geöffnet, hinter mir das Doppelgeräusch des umgedrehten Schlüssels und eines schweren Überwurfhakens. Dann war ich allein […]“

Kommentar: Vom 23. Juni bis zum 1. Juli 1941 musste Klemperer eine Haftstrafe im Dresdener Polizeigefängnis verbüßen. Es war eines Abends in seiner Wohnung versehentlich eine Abdunkelung übersehen worden, die angezeigt wurde.


8. September 2026

„Man war, besonders am Anfang, als Verhaftung und Lager noch nicht unbedingt mit Tod identisch waren, nicht gefangen, sondern ’verreist‘; man war nicht im Konzentrationslager […], sondern im ‚Konzertlager‘.“

Kommentar: Derartige Wortbildungen entstammen nach Klemperer zum Teil dem „Galgenhumor“, zum anderen Teil dem „notwendigen Versteckspiel unserer Lage“.


7. September 2026

„Gleichschalten und Ingenieur der Seele [Lenin] – technische Wendungen beide mal, und die deutsche Metapher weist in die Sklaverei, und die russische weist in die Freiheit.“

Kommentar:  Nach 1945 lebte Klemperer in der DDR, engagierte sich dort und passte sich dem herrschenden Propagandastil an. Auf LTI zurückgreifend geht Uwe Johnson in „Heute Neunzig Jahr“ über ihn hinaus und nimmt auch die Sprache des stalinistischen Systems in den Blick. (Norbert Mecklenburg)


6. September 2026

„Das eindeutige Mechanisieren der Person selber bleibt der LTI vorbehalten. Ihre charakteristischste, wahrscheinlich auch frühzeitigste Schöpfung auf diesem Felde heißt ‚gleichschalten‘.“

Kommentar: „Gleichschaltung ist, dass die Freunde sich gleichschalteten. […] Das persönliche Problem war doch […] was unsere Freunde taten. […] Das Schlimme war doch, dass sie dann wirklich daran glaubten! […] Das heißt: Zu Hitler fiel ihnen etwas ein […]. Sie gingen ihren eigenen Einfällen in die Falle.“ (Hannah Arendt)


5. September 2026

„Werden Menschen liquidiert, so werden sie eben erledigt oder beendet wie Sachwerte. In der Sprache der Konzentrationslager hieß es, eine Gruppe ‚wurde der Endlösung zugeführt‘, wenn sie erschossen oder in den Gastod geschickt wurde.“

Kommentar: „Dies hätte nicht geschehen dürfen, wie ich immer sage, und damit meine ich nicht die Zahl der Opfer, sondern ich meine die Fabrikation der Leichen und so weiter, ich meine, ich brauche mich ja darauf nicht weiter einzulassen. Dieses hätte nicht geschehen dürfen.“ (Hannah Arendt)


4. September 2026

„Seit ich vom Lager Auschwitz und seinen Gaskammern wusste, seit ich Rosenbergs ‚Mythus‘ und Chamberlains ‚Grundlagen‘ gelesen hatte, zweifle ich nicht mehr an der zentralen und entscheidenden Bedeutung des Antisemitismus und der Rassenlehre für den Nationalsozialismus.“

Kommentar: Das Neue und Einzigartige des Antisemitismus des Dritten Reiches: Diese „Seuche flammt auf, und lodernder als zuvor“, sie agiert „in höchster organisatorischer und technischer Vollendung“, sie besteht „in der Basierung des Judenhasses auf dem Rassengedanken“.


3. September 2026

„Coventry war ein ‚englische Rüstungszentrum‘ – nichts als das und nur von militärischen Leuten bevölkert, denn wir greifen prinzipiell nur ‚militärische Ziele‘ an, wie es in jedem Bericht hieß, wir übten auch nur ‚Vergeltung‘ […].“

Kommentar: „Da das ‚Leben in Lüge‘ die Grundstütze des Systems ist, ist es kein Wunder, dass das ‚Leben in Wahrheit‘ eine Grundbedrohung für das System bedeutet.“ (Vaclav Havel)


2. September 2026

„Kein vorhergehender Sprachstil macht einen so exorbitanten Gebrauch [vom modernen Kurzwort] wie das Hitlerdeutsch. [Es] stellt sich überall dort ein, wo technisiert und wo organisiert wird. Und seinem Anspruch auf Totalität gemäß technisiert und organisiert das Nazismus eben alles.“

Kommentar: „Vermeide die Phrasen und Schlagworte, die jeder andere verwendet. Erfinde deine eigene Sprechweise, selbst wenn du nur das vermitteln willst, was in deinen Augen jeder sagt. Bemühe dich, dich vom Internet fernzuhalten. Lies Bücher.“ (Timothy Snyder)


1. September 2026

„Ein Punkt genügte, um aus dem ‚m‘ ein ‚in‘ zu machen, und ein Millimeterstrich verwandelte das erste ‚r‘ in ein ‚t‘. So wurde aus Klemperer: Kleinpeter. Eine Poststelle, die die Menge solcher Kleinpeter im Dritten Reich registrierte hätte, dürfte es kaum geben.“

Kommentar: Nach der Bombardierung Dresdens im Februar 1944 flohen Klemperer und seine Frau und kamen an verschiedenen Orten unter. Klemperer erinnerte sich, dass die großzügige Schrift eines Apothekers seinen Namen unbeabsichtigt in dieser Art veränderte und dies zu seinem Schutz nutzte. (27.2.1945)


31. August 2026

„Die LTI war eine Gefängnissprache (der Gefangenenwärter und der Gefangenen), und zur Sprache der Gefängnisse gehören unweigerlich (als Akte der Notwehr) die Versteckworte, die irreführenden Mehrdeutigkeiten, die Fälschungen usw., usw.“

Kommentar: „Faschismus ist Furcht vor der Freiheit, geweckt durch eine Ahnung von Freiheit“ (Paul Mason)


30. August 2026

„Als wir in einem Judenhaus [in der Caspar-David-Friedrich-Straße] wohnten, bekamen wir wiederholt Briefe mit der Anschrift: Friedrichstraße bei Herrn Caspar David.“

Kommentar: Genau schildert Klemperer die Repressionen gegen Juden, bis hin zu Verpflichtung des Tragens des gelben Sternes, was er empfindet, als wenn damit jeder sein Getto mit sich trägt wie ein Schneckenhaus. Trotzdem gelingt es ihm, Humor zu behalten, eine Wurzel des Widerstands.


29. August 2026

„Das ironische Anführungszeichen […] setzt Zweifel in die Wahrheit des Zitierten, erklärt von sich aus den mitgeteilten Ausspruch für Lüge. […] durch einen bloßen Zusatz von Hohn in der Stimme des Sprechers […], ist das ironische Anführungszeichen aufs engste mit dem rhetorischen Charakter der LTI verbunden.“

Kommentar: Wenig später fasst Klemperer wie folgt zusammen: „Aber in der LTI überwiegt der ironische Gebrauch den neutralen um das Vielfache. Weil eben Neutralität ihr zuwider ist, weil sie immer einen Gegner haben, immer den Gegner herabzerren muss.“


28. August 2026

„Häufig wirken, dem Formenden unbewusst, mehrere Gründe für eine Formung zusammen […]: SS ist beides, Bild und abstraktes Schriftzeichen, ist Grenzüberschreitung nach der Seite des Malerischen hin, ist Bildschrift, ist Rückkehr zur Sinnlichkeit der Hieroglyphen.“

Kommentar: „Trotz allem“ ist die entscheidende Motivation für Klemperers Schreiben. In seinem Buch „Bilder trotz allem“ untersucht Georges Didi-Huberman die vier Aufnahmen, die aus einer Gaskammer in Auschwitz von einem Mitglied des Sonderkommandos gemacht worden sind.


27. August 2026

„Beachte die Reihe: Heer, Armee, Reichswehr, Wehrmacht. Das dritte Reich sucht sein eigenes neues Wort. Reichswehr ist schwach, defensiv, Wehrmacht ist bedrohend offensiv.“ (20.1.1941)

Kommentar: „Die Sprache beobachten, also die Art wie sie sich ausdrückt, ist eine fundamentale Operation der allgemeinen Anthropologie, insbesondere der politischen Anthropologie.“ (GDH)


26. August 2026

„[D]as Wort fanatisch [steht] im Deutschen unübersetzbar und unersetzbar da, und immer ist es als wertender Ausdruck mit starker Negation geladen […]. Niemals vor dem Dritten Reich wäre es jemandem eingefallen, fanatisch als ein positives Wort zu gebrauchen.“

Kommentar: „Achte auf gefährliche Wörter. Verwende die Wörter ‚Extremismus‘ und ‚Terrorismus‘ nur mit größter Vorsicht. Sei dir bewusst, welch fatale Bedeutung Begriffe wie ‚Notstand‘ oder ‚Ausnahmezustand‘ haben. […].“ (Timothy Snyder)


25. August 2026

„Auch ich glaube, dass [Hitler] sich wirklich für einen neuen deutschen Heiland zu halten bestrebt war, dass in ihm die Überspanntheit des Cäsarenwahns in ständigem Zwist mit Wahnideen des Verfolgtseins lag, wobei beide Krankheitszustände sich wechselseitig steigerten […]. “

Kommentar: An anderer Stelle der LTI schreibt Klemperer: „[D]er Nazismus wurde von Millionen als Evangelium hingenommen, weil er sich der Sprache des Evangeliums bediente.“ 


24. August 2026

„Von der Volkstümlichkeit zur Demagogie oder Volksverführung überschreitet [die Rede] die Grenze, sobald sie von der Entlastung des Intellekts zu seiner gewollten Ausschaltung und Betäubung übergeht.“

Kommentar: Klemperer arbeitet als Gesetze der Nazi-Rhetorik heraus: „[L]ass Deine Hörer nicht zu kritischem Denken kommen, behandle alles simplistisch. Wenn du von mehreren Gegnern sprichst, […] bringe die vielen […] auf einen Namen, klammere sie zusammen, gib Ihnen Gemeinsamkeit!“


23. August 2026

„Wenn das LTI-Verbum ‚aufziehen‘ irgendwo mit Recht angewendet wird, dann sicherlich hier; das Gewebe der Staatsakte wurde immer nach dem gleichen Muster aufgezogen, in zwei Ausführungen freilich, mit und ohne Sarg im Mittelpunkt.“

Kommentar: „Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends / wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts / wir trinken und trinken / wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng“ […] (Paul Celan)


22. August 2026

„Strafexpedition ist das erste Wort, das ich als spezifisch nazistisch empfand, ist das allererste meiner LTI […]. Was ich mir irgend an brutaler Überheblichkeit und an Verachtung fremder Menschenart denken konnte, drängte sich in diesem Wort Strafexpedition zusammen […].“

Kommentar: Man stelle sich eine Weltkarte mit den Spuren derartiger Expeditionen vor. Manche Orte und Gegenden werden immer wieder von ihnen heimgesucht bis heute. Ein bekannter Ort heißt Oradour-sur-Glane, eine filmische Spur: „Abschied in der Nacht“.


21. August 2026

„Es hieß in der Voranzeige und Voransage: ‚Feierstunde von 13.00 bis 14.00 Uhr. In der dreizehnten Stunde kommt Adolf Hitler zu den Arbeitern.‘ Das ist, jedem verständlich, die Sprache des Evangeliums. Der Herr, der Erlöser kommt zu den Armen und Verlorenen.“

Kommentar: Klemperer widmet in der LTI diesem Zusammenhang ein längeres Kapitel. Zusammenfassend: „Was vom Christentum nicht in die nazistische Ethik und Staatslehre passte, wurde bald als jüdisch, bald als syrisch, bald als römisch ausgemerzt.“


20. August 2026

„Ich glaube, wo künftig das Wort Konzentrationslager fallen wird, da wird man an Hitlerdeutschland denken und nur an Hitlerdeutschland…“

Kommentar: „An einem Sonntagmorgen [im Juni 2011] bin ich im Komplex von Auschwitz Birkenau angekommen. Es war noch sehr früh, zu einer Uhrzeit, an der der Eintritt noch frei ist – welch ein befremdliches Adjektiv, wenn man daran denkt […].“ (GDH)


19. August 2026

„Die absolute Herrschaft, die das Sprachgesetz […] ausübte, erstreckte sich […] mit umso entschiedenerer Wirksamkeit, als die LTI keinen Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache kannte. […] Alles war Rede, musste […] Aufpeitschung sein.“

Kommentar: Immer wieder beobachtet Klemperer die Redner seiner Zeit. Hitler „sprach, vielmehr schrie immer krampfhaft“. „Nie war Gleichmut, nie Musikalität in seiner Stimme, in der Rhythmik seiner Sätze […]“ Seine Wirkung bleibt eine „ungeheure Tatsache“.


18. August 2026

„‘Vater‘, fragt also ein Junge im Zirkus, ‚was macht denn der Mann auf dem Seil mit der Stange?‘ – Dummer Junge, das ist eine Balancierstange, an der hält er sich fest.‘“

Kommentar: Klemperer erzählt diese Geschichte schon zu Beginn seiner LTI und fügt hinzu: „Mein Tagebuch war in diesen Jahren immer wieder meine Balancierstange, ohne die ich hundertmal abgestürzt wäre“.


17. August 2026

 „Wenn einer lange genug für heldisch und tugendhaft: fanatisch sagt, glaubt er schließlich wirklich, ein Fanatiker sei ein tugendhafter Held, und ohne Fanatismus könne man kein Held sein.“

Kommentar: „Unparteiischkeit – auch für den Besiegten – ist mit Homer in die Welt gekommen: Wenn des Liedes Stimmen schweigen […]. Dann kam Herodot und hat gesagt: Die großen Taten der Griechen und der Barbaren.“ (Hannah Arendt)


16. August 2026

„Was jemand wirklich verbergen will, sei es nur vor anderen, sei es vor sich selber, auch was er unbewusst in sich trägt: die Sprache bringt es an den Tag.“

Kommentar: In diesem Sinne deutet das Motto Klemperers: „In lingua veritas“ (25.4.1937), weniger auf eine Philologie im strengen Sinne, sondern vielmehr auf eine Anthropologie der Sprache, in der alle Dimensionen der Existenz zusammenkommen mit allen Symptomen und Abgründen. (GDH)  


15. August 2026

„Es gab den BDM und die HJ und die DAF und ungezählte andere solcher Abkürzungen. Als parodierende Spielerei zuerst, gleich darauf als ein flüchtiger Notbehelf des Erinnerns, […] als ein an mich selber gerichteter Notruf steht das Zeichen LTI in meinem Tagebuch.“

Kommentar: Im LTI stellt sich Klemperer seiner eigenen Alterität: einerseits als Jude, andererseits als Anwalt der höchsten Werte der deutschen Sprache; er lässt sich nicht trennen von denen, die ihn umgeben, ja bedrohen; er sieht die anderen bis ins Innere ihrer Sprache und ihres Denkens. (GDH)


14. August 2026

„Der Judenhass ist so maßlos geworden, weit schlimmer als beim ersten Boykott, Pogromanfänge gibt es da und dort, und wir rechnen damit, hier nächstens totgeschlagen zu werden. Nicht durch Nachbarn, aber durch nettoyeurs, die man da und dort als ‚Volksseele‘ einsetzt.“ (11.8.1935)

Kommentar: „Als die Deutschen 1941 in die Sowjetunion einmarschierten entwickelte die SS aus eigener Initiative Techniken des Massenmords, ohne konkrete Befehle dazu erhalten zu haben. Die SS-Männer glaubten zu wissen, was ihre Vorgesetzten wollten, und führen vor Augen, was möglich war.“ (Timothy Snyder)


13. August 2026

„Göring sagte in einer Rede vor dem Berliner Rathaus: ‚Wir alle, vom einfachen SA-Mann bis zum Ministerpräsidenten, sind von Adolf Hitler und durch Adolf Hitler. Er ist Deutschland.‘ Sprache des Evangeliums.“ (19.6.1934)

Kommentar: Nach Victor Klemperer stirbt die Wahrheit auf vierfache Weise: Durch offene Feindschaft gegenüber der verifizierbaren Wirklichkeit; Durch millionenfache Wiederholungen; Durch die offene Akzeptanz eines Widerspruches; Durch unangebrachten Glauben. (Timothy Snyder)


12. August 2026

„Gestern, und heute tagsüber war ich sehr zerschlagen, der verstärkte Druck der Lebensgefahr […] Es muss auch so weitergehen. Irgendeine bereichernde Lektüre wird sich schon finden, und das Tagebuch werde ich weiter wagen. Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten.“ (11.6.1942)

Kommentar: Ein Gericht verlangt von einem Zeugen faktische Präzision. Klemperers Zeugenschaft teilt nicht nur Fakten, sondern auch Sensibilität. Sie hält dafür, dass geteilte bzw. mitteilbare Emotionen selbst Teil historischer Fakten sind und so zu politischen Gesten werden. (GDH)


11. August 2026

„Indem erschien Eva vom Einkauf. […] Eva verteidigte sich sehr ruhig: ‚Das Buch habe ich entliehen, mich interessiert Ihre Methode‘ […] Ich sagte Eva nachher, ihre Verteidigung sei ein sehr gewagter Schritt gewesen und könne üble Folgen haben. Sie erwiderte: ‚Die Bestien sind feige.‘“ (11.6.1942)

Kommentar: Martin Walser sprach 1996 von einem dreifachen „Prinzip Genauigkeit“ in Klemperers Tagebüchern, von epistemischer, ethischer und affektiver Genauigkeit. Wie ein Seismograph zeigt es eine Empfindsamkeit, die sich von den Umständen anrühren lässt.


10. August 2026

„Ich glaubte schon aus der Gefahr zu sein, als ‚Der Mythos des 20. Jahrhunderts‘ und mein Notizblatt daneben zur Katastrophe führten. […] Das Buch wurde mir auf den Schädel gehauen, ich wurde geohrfeigt, man drückte mir einen lächerlichen Strohhut auf.“ (11.6.1942)

Kommentar: Um auf vernünftige Weise zu reagieren, muss man zuerst von der Emotion berührt worden sein. Was dem Emotionalen widerspricht, ist nicht das Rationale, sondern die Insensibilität oder die Sentimentalität. (Hannah Arendt)


9. August 2026

„Gestern Mittag gegen halb zwei […] wieder Gestapo, das vierte Mal in vierzehn Tagen. […] Ich war auf einen Stuhl in der Diele gezwungen worden, musste alles mit ansehen und –hören und zitterte immer um mein Tagebuch.“ (11.6.1942)

Kommentar: LTI (Lingua Tertii Imperii) ist in seiner philologischen Analyse ein „Dokument der Wahrheit“. Die „Tagebücher von 1933-1945“ sind ein „Monument des Mutes zur Wahrheit“. Sie bringen eine „Wahrheit der Emotionen“ zu Tage. (GDH)


8. August 2026

„Ich kann das Gefühl des Ekels und der Scham nicht mehr loswerden. Und niemand rührt sich; alles zittert, verkriecht sich.“ (17. 3.1933)

Kommentar: Klemperer gelingt es, das subjektive Gefühl des Ekels zu sozialisieren in eine Scham: „Die Scham, ein Mensch zu sein“ (Primo Levi). Diese Scham ist verantwortlich, sie ist eine geteilte Scham für sich und für andere. (GDH)


7. August 2026

„Seit etwa drei Wochen die Depression des reaktionären Regimentes. Ich schreibe hier keine Zeitgeschichte: Aber meine Erbitterung, stärker, als ich mir zugetraut hätte, sie noch empfinden zu können, will ich doch vermerken.“ (21.2.1933)

Kommentar: Klemperers Wunsch zu schreiben konstruiert sich in einer Art Montage und kombiniert verschiedene Möglichkeiten von Zeugenschaft: aus politischer Sicht, aus ethischer Sicht und aus emotionaler Sicht. (GDH)


6. August 2026

„Meiner Frau Eva Klemperer. […] Denn ohne Dich wäre heute dieses Buch [LTI] nicht vorhanden und auch längst nicht mehr sein Schreiber.“ (1947)

Kommentar: Der Romanist Victor Klemperer überlebte als Jude in Dresden tagebücherschreibend die NS Herrschaft, weil er mit der Pianistin Eva Klemperer, einer sog. Arierin, verheiratet war. Sie brachte auch seine Manuskripte bei einer Freundin in Sicherheit.


Jeden Tag ein Zitat aus seinen Tagebüchern (Datumsangabe) oder seiner LTI.

Hinzu kommt ein Kommentar. Meist inspiriert von Georges Didi-Hubermans Buch über Klemperer „Le Témoin jusqu’au Bout“ (Paris 2022) / deutsch: Zeugenschaft bis zum Letzten (Konstanz 2024) aber auch von Hannah Arendt, Timothy Snyder u.a. jeweils in Klammern angegeben (GDH) oder mit ausgeschriebenem Name

Wiederaufnahmen eines Projektes von 2023.