Worte als Zeugen
Wenn Worte bedroht sind und in ausweglosen Situationen
gefangen zu sein scheinen, lohnt es sich, nach Worten zu suchen, die trotz allem niedergeschrieben wurden und somit Zeugnis ablegen wider alles Gerede.
Während der Passionszeit 2026 wird an dieser Stelle täglich ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer, Simone Weil u.a. veröffentlicht.
1. April 2026
„Richtet nicht!“ Christus selbst richtet nicht. Er ist das Gericht. Die leidende Unschuld als das Maß.
Urteil, Perspektive. In diesem Sinne richtet jedes Urteil den, der es fällt. Nicht urteilen. Das ist keine Gleichgültigkeit oder Enthaltung, das ist das transzendente Urteil, die Nachahmung des göttlichen Gerichts, das uns nicht möglich ist. (Simone Weil)
31. März 2026
Elektra, die Tochter eines mächtigen Vaters, zur Sklavin erniedrigt, ohne andere Hoffnung als auf ihren Bruder, erblickt einen jungen Mann, der ihr den Tod dieses Bruders meldet – und eben im Augenblick des tiefsten Jammers offenbart dieser junge Mann sich als ihr Bruder. „Sie glaubte, es sei der Gärtner.“ In einem Unbekannten seinen Bruder erkennen, in dem Weltall Gott erkennen. (Simone Weil)
30. März 2026
Hört man eine Musik von Bach oder einen gregorianischen Choral, so schweigen alle Fähigkeiten der Seele und recken sich aus, dieses vollkommen Schöne zu erfassen, jede auf ihre Weise. Unter anderen auch die Vernunfteinsicht: sie findet hier nichts zu bejahen oder zu verneinen, aber sie wird gespeist.
Soll nicht auch der Glaube eine Zustimmung dieser Art sein?
Man erniedrigt die Mysterien des Glaubens, wenn man sie zu Gegenständen der Bejahung oder Verneinung macht, während sie ein Gegenstand der Beschauung sein sollen. (Simone Weil)
28. März 2026
Der Schrei des Leidens „warum?“ tönt durch die ganze Ilias. Das Leiden erklären, heißt, es trösten; es soll also nicht erklärt werden.
Darum kommt dem Leiden des Unschuldigen ein so ungeheurer Wert zu. Es gleicht der Hinnahme des Bösen in der Schöpfung durch Gott, der unschuldig ist. (Simone Weil)
27. März 2026
Gott sendet das Unglück unterschiedslos über Böse und Gute wie Regen und Sonne. Er hat das Kreuz nicht Christus allein vorbehalten. Mit dem Einzelmenschen als solchem tritt er nur durch die rein geistliche Gnade, die auf den Gott zugekehrten Blick antwortet, in Berührung, das heißt: genau in dem Maße, als das Einzelwesen aufhört, eines zu sein. Kein Geschehnis ist eine Gunst Gottes, einzig die Gnade. (Simone Weil)
26. März 2026
Inkarnation. Gott ist schwach, weil er unparteiisch ist. Er schickt Sonnenschein und Regen über die Guten wie über die Bösen. Diese Gleichmut des Vaters und die Schwachheit Christi entsprechen einander. Abwesenheit Gottes. Das Himmelreich ist gleich einem Senfkorn … Gott ändert nichts. Man hat Christus getötet, aus Zorn, weil er nur Gott war. (Simone Weil)
25. März 2026
Gott kann in der Schöpfung nicht anders anwesend sein als unter der Form der Abwesenheit. (Simone Weil)
24. März 2026
Gott und das Übernatürliche sind im Universum verborgen und gestaltlos. Es wäre gut, wenn sie in der Seele verborgen und namenlos blieben. Sonst läuft man Gefahr, unter diesem Namen etwas Imaginäres zu begreifen (die, welche Christus speisten und kleideten, wussten nicht, dass es Christus war). Sinn der antiken Mysterien. Das Christentum (Katholiken und Protestanten) spricht zu viel von den heiligen Dingen. (Simone Weil)
23. März 2026
Wenn das Korn nicht stirbt … Es muss sterben, um die Kraft zu befreien, die es in sich trägt, damit andere Verbindungen daraus entstehen.
Ebenso müssen wir sterben, um die verhaftete Energie freizusetzen, um eine freie Kraft zu besitzen, die fähig ist, dem wahren Verhältnis der Dinge entsprechend zu handeln. (Simone Weil)
21. März 2026
Was ist die Abwesenheit Gottes, die das äußerste Unglück in der vollkommenen Seele bewirkt? Was ist das für ein Wert, der damit verbunden ist und den man den erlösenden Schmerz nennt?
Der erlösende Schmerz ist dasjenige, wodurch das Über wirklich die Fülle des Seins hat, nach dem vollen Maße, in dem es sie empfangen kann.
Durch den erlösenden Schmerz ist Gott in dem äußersten Über anwesend. Denn die Abwesenheit Gottes ist der Modus der göttlichen Anwesenheit, die dem Übel entspricht – die empfundene Abwesenheit. Wer Gott nicht in sich hat, kann seine Abwesenheit nicht empfinden. (Simone Weil)
20. März 2026
Erlösender Schmerz. Stürzt ein menschliches Wesen im Stand der Vollkommenheit, nachdem es durch den Beistand der Gnade das Ich in sich selber völlig ausgetilgt hat, auf jene Stufe des Unglücks herab, die für dieses Wesen der Zerstörung des Ich von außen entspräche, es ist dies die Fülle des Kreuzes. In ihm kann das Unglück nicht mehr das Ich zerstören, da es völlig verschwunden ist und Gott Platz gemacht hat. Aber das Unglück bringt auf der Höhe der Vollkommenheit eine Wirkung hervor, die ein Äquivalent der Zerstörung von außen ist. Es bewirkt die Abwesenheit Gottes. ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?‘ (Simone Weil)
19. März 2026
Verleugnung des heiligen Petrus. Zu Christus sagen: ich werde dir treu bleiben, hieß schon, ihn verleugnen, denn es hieß annehmen, der Urquell der Treue entspringe in einem selbst und nicht in der Gnade. Glücklicherweise, da er ein Auserwählter war, ist diese Verleugnung offenkundig geworden für alle und für ihn. Wie viele andere verfallen in ähnliche Prahlereien – und kommen niemals zur Erkenntnis! (Simone Weil)
18. März 2026
Christus hat das ganze menschliche Elend gehabt, außer der Sünde. Doch er hat alles gehabt, was den Menschen zur Sünde fähig macht. Was den Menschen zur Sünde fähig macht, ist die Leere. Alle Sünden sind Versuche, eine Leere auszufüllen. Also ist mein Leben voller Makel seinem vollkommen reinen Leben nahe, und das Gleiche gilt von jedem, noch so viel niedrigerem Leben. Wie tief ich auch falle, ich entferne mich nicht weit von ihm. Aber wenn ich falle, werde ich dies nicht mehr wissen können. (Simone Weil)
17. März 2026
Sich erniedrigen, heißt hinsichtlich der geistigen Schwerkraft steigen. Die Schwerkraft des Geistes lässt uns nach oben fallen. (Simone Weil)
16. März 2026
Die Schöpfung besteht aus der Abwärtsbewegung der Schwerkraft, der Aufwärtsbewegung der Gnade und der Abwärtsbewegung der Gnade in der zweiten Potenz. (Simone Weil)
14. März 2026
Eine Bewegung des Hinabsteigens, an der die Schwerkraft keinen Anteil hat … Die Schwerkraft zieht hinab, der Flügel trägt empor: welcher Flügel in der zweiten Potenz kann abwärtstragen ohne Schwere? (Simone Weil)
13. März 2026
Alle natürlichen Bewegungen der Seele sind Gesetzen unterworfen, die denen der stofflichen Schwerkraft entsprechen. Ausnahmen macht allein die Gnade. (Simone Weil)
12. März 2026
Nicht Genies, nicht Zyniker, nicht Menschenverächter, nicht raffinierte Taktiker, sondern schlichte, einfache, gerade Menschen werden wir brauchen. Wir unsere innere Widerstandskraft gegen das uns Aufgezwungene stark genug und unsere Aufrichtigkeit gegen uns selbst schonungslos genug geblieben sein, dass wir den Weg zur Schlichtheit und Geradheit wiederfinden? (Dietrich Bonhoeffer)
11. März 2026
Wir sind stumme Zeugen böser Taten gewesen, wir sind mit vielen Wassern gewaschen, wir haben die Künste der Verstellung und der mehrdeutigen Rede gelernt, wir sind durch Erfahrung misstrauisch gegen die Menschen geworden und mussten ihnen die Wahrheit und das freie Wort oft schuldig bleiben, wir sind durch unerträgliche Konflikte mürbe oder gar zynisch geworden – sind wir noch brauchbar?
10. März 2026
Mag sein, dass der jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht. (Dietrich Bonhoeffer)
9. März 2026
Denken und Handeln im Blick auf die kommende Generation, dabei ohne Furcht und Sorge jeden Tag bereit sein, zu gehen – das ist die Haltung, die uns praktisch aufgezwungen ist und die tapfer durchzuhalten nicht leicht, aber notwendig ist. (Dietrich Bonhoeffer)
7. März 2026
Es ist unendlich viel leichter, im Gehorsam gegen einen menschlichen Befehl zu leiden als in der Freiheit eigenster verantwortlicher Tat. Es ist unendlich viel leichter, in Gemeinschaft zu leiden als in Einsamkeit. Es ist unendlich viel leichter, öffentlich und unter Ehren zu leiden als abseits und in Schanden. Est ist unendlich viel leichter durch den Einsatz des leiblichen Lebens zu leiden als durch den Geist. Christus litt in Freiheit, in Einsamkeit, abseits und in Schanden, an Leib und Geist, und seither viele Christen mit ihm. (Dietrich Bonhoeffer)
6. März 2026
Wir sind nicht Christus, aber wenn wir Christen sein wollen, so bedeutet das, dass wir an der Weite des Herzens Christi teilbekommen sollen in verantwortlicher Tat, die in Freiheit die Stunde ergreift und sich der Gefahr stellt, und in echtem Mitleiden, das nicht aus der Angst, sondern aus der befreienden und erlösenden Liebe Christi zu allen Leidenden quillt. (Dietrich Bonhoeffer)
5. März 2026
In anderen Zeiten mag es die Sache des Christentums gewesen sein, von der Gleichheit der Menschen Zeugnis zu geben; heute wird gerade das Christentum für die Achtung menschlicher Distanzen und menschlicher Qualität leidenschaftlich einzutreten haben. Die Missdeutung, als handele man in eigener Sache, die billige Verdächtigung unsozialer Gesinnung, muss entschlossen in Kauf genommen werden. […] Quantitäten machen einander den Raum streitig. Qualitäten ergänzen einander. (Dietrich Bonhoeffer)
4. März 2026
Immer wird uns das Vertrauen eines der größten, seltensten und beglückendsten Geschenke menschlichen Zusammenlebens bleiben und es wird doch immer nur auf dem dunklen Hintergrund eines notwendigen Misstrauens entstehen. Wir haben gelernt, uns dem Gemeinen durch nichts, dem Vertrauenswürdigen aber restlos in die Hände zu geben. (Dietrich Bonhoeffer)
3. März 2026
Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube das Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern, dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet. (Dietrich Bonhoeffer)
2. März 2026
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. (Dietrich Bonhoeffer)
28. Februar 2026
Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. (Dietrich Bonhoeffer)
27. Februar 2026
Wir müssen lernen, die Menschen weniger auf das, was sie tun oder unterlassen, als auf das, was sie erleiden, anzusehen. Das einzig fruchtbare Verhältnis zu den Menschen – gerade zu den Schwachen – ist Liebe, d.h. der Wille mit ihnen Gemeinschaft zu halten. Gott selbst hat die Menschen nicht verachtet, sondern ist Mensch geworden um der Menschen willen. (Dietrich Bonhoeffer)
26. Februar 2026
Das Wort der Bibel, dass die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei, sagt, dass die innere Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit ist. (Dietrich Bonhoeffer)
25. Februar 2026
Aber es ist gerade hier auch ganz deutlich, dass nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte. Dabei wird man sich damit abfinden müssen, dass eine echte innere Befreiung in den allermeisten Fällen erst möglich wird, nachdem die äußere Befreiung vorangegangen ist; bis dahin werden wir auf alle Versuche, den Dummen zu überzeugen verzichten müssen. (Dietrich Bonhoeffer)
24. Februar 2026
Bei genauem Zusehen zeigt sich, dass jede starke Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. Ja, es hat den Anschein, als sei das geradezu ein soziologisch-psychologisches Gesetz. Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. (Dietrich Bonhoeffer)
23. Februar 2026
Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Geistes als Bosheit. Gegen das Böse lässt sich protestieren, es lässt sich bloßstellen, es lässt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurücklässt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. (Dietrich Bonhoeffer)
21. Februar 2026
Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern (wie)eine kommende Generation weiterleben soll. Nur aus dieser geschichtlich verantwortlichen Frage können fruchtbare – wenn auch vorübergehend sehr demütigende – Lösungen entstehen. Kurz, es ist sehr viel leichter, eine Sache prinzipiell als in konkreter Verantwortung durchzuhalten. (Dietrich Bonhoeffer)
20. Februar 2026
Civilcourage aber kann nur aus der freien Verantwortlichkeit des freien Menschen erwachsen. Die Deutschen fangen erst heute an, zu entdecken, was freie Verantwortung heißt. Sie beruht auf einem Gott, der das freie Glaubenswagnis verantwortlicher Tat fordert und der dem, der darüber zum Sünder wird, Vergebung und Trost zuspricht. (Dietrich Bonhoeffer)
19. Februar 2026
Wer hält stand? Allein der, dem nicht seine Vernunft, sein Prinzip, sein Gewissen, seine Freiheit, seine Tugend, der letzte Maßstab ist, sondern der dies alles zu opfern bereit ist, wenn er im Glauben und in alleiniger Bindung an Gott zu gehorsamer und verantwortlicher Tat gerufen ist, der Verantwortliche, dessen Leben nichts sein will als die Antwort auf Gottes Fragen und Ruf. Wo sind diese Verantwortlichen? (Dietrich Bonhoeffer)
18. Februar 2026
Ob es jemals in der Geschichte Menschen gegeben hat, die in der Gegenwart so wenig Boden unter den Füßen hatten, […] wie wir? Oder vielmehr: ob die verantwortlich Denkenden einer Generation vor einer großen geschichtlichen Wende jemals anders empfunden haben, wie wir heute, – eben, weil etwas wirkliche Neues im Entstehen war, das in den Alternativen der Gegenwart nicht aufging? (Dietrich Bonhoeffer)
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Die ersten 20 Texte sind ausgewählt aus: Dietrich Bonhoeffer, Rechenschaftsbericht an der Wende zum Jahr 1943: Nach zehn Jahren; in: Ders., Widerstand und Ergebung. Die dann folgenden Texte sind ausgewählt aus Simone Weil, Schwerkraft und Gnade, aus dem Französischen von Friedhelm Kemp, und Dies., Die Ilias oder das Poem der Gewalt, aus dem Französischen von Thomas Laugstien, in: Dies., Krieg und Gewalt. Essays und Aufzeichnungen (Zürich 2021). Auswahl: Dietrich Sagert