Kehrt man nach der science-fiction–Himmelfahrt zur Erde zurück, landet man hart in der terrestrischen Realität, deren Charakter als Ausgangspunkt man schon vergessen hatte. Dort findet man nun aber eine Erde vor, auf der sich Konflikte zuspitzen zwischen den Massen, die den sich ausbreitenden Folgen des Klimawandels ausgesetzt sind, und „Eliten, die sich bis an die Zähne bewaffnen, um ihre klimatisierten Bunker zu verteidigen oder die sich darauf vorbereiten, die Erde [in den Weltraum] zu verlassen und sie ihrem Elend und Chaos zu überlassen“ (Edouardo Viveiros de Castro).
Diese Landung auf der Erde öffnet auch schlagartig einen Blick auf die dunkle Seite des Künstlichen Intelligenz und der mit ihr verbundenen Technologien, die aufgrund ihrer technischen Basis und ihres energetischen Bedarfes Teil, wenn nicht entscheidende Treiber eines „Weltkrieg[es] zwischen Algorithmen und Rohstoffen“[1] sind.
Theologie hat sich bislang zumindest nicht hervorgetan mit einem artikulierten Interesse an Fragen der Materialität. So wird die aufwändige materielle Basis von KI, wie auch die der anderen Medien, einfach ausgeblendet.
Ein Schlaglicht: „Nehmen wir den Fall der Energie. Die in den Rechenzentren für die Datenspeicherung installierten Server sind unverzichtbar für die Navigation im Internet. Sie sind es gleichfalls für die Milliarden täglich versendeter E-Mails, Spammails, Fotos und Videos, ganz abgesehen von den Online-Meetings, dem elektronischen Handel, den Downloads oder der Herstellung der erforderlichen Verbindungsgeräte. Wenn man die vier Abschnitte des Kreislaufs zusammenbringt, von der Herstellung zum Transport, von der Verwendung bis zur Entsorgung, zeigt sich, dass die Last des World Wide Web m weltweiten Energieverbrauch unaufhörlich steigt und somit auch die Emission von Treibhausgasen. Ganz zu Schweigen von den Umweltverschmutzungen durch die Extraktion von Rohstoffen, die Herstellung von Computerbauteilen, Hauptplatinen und Speicherchips oder durch Weichmacher von Kunststoffen und chlorierten Lösungsmitteln.“[2]
Auf der materiellen Seite bringt der afrikanische Historiker Achille Mbeme vor allem einen theologisch relevanten Begriff ins Spiel: die Allmacht. „Tatsächlich ist allmächtig, was von keiner Autorität beschränkt werden kann. Die Idee der Allmacht selbst ist nicht zugunsten der Vernunft, der Staates oder der Staatsräson gekippt, sondern zugunsten des Privateigentums. Das Privateigentum wurde fast überall zum natürlichen, heiligen und unverletzlichen Recht erklärt. Dieser Status als Sakrament bildet die Grundlage für die Vorstellung von Teilung und Aneignung der Erde, deren Offenbarung in actu, in unterschiedlichen Formen, der Kapitalismus ist.“[3]
Das Stichwort Allmacht kann man in einem der zentralen biblischen Bilder der Enzyklika Magnifica Humanitas von Leo XIV aufgenommen sehen[4]: Der Geschichte vom Turmbau zu Babel aus der Genesis (Gen 11, 1-9).
Die Vernachlässigung der faktischen materiellen Basis hat aber vielleicht vor allem darin ihren Grund, dass die heutigen Technologien auf das verweisen, „was dünn, beweglich, sehr leicht und durchsichtig ist“[5] und sich damit zu erarbeitende Anknüpfungen an schöpfungstheologische bzw. inkarnationstheologische Topoi verflüchtigen. „Nicht mehr so sehr der Stahl, sondern das Silizium ist das Material schlechthin. Andere Materialien wie das Germanen (aus Germaniumatomen zusammengesetzt), das Stannan (aus Zinn hergestellt), das Phosphoran (aus Phosphor hergestellt), ja sogar das Molybdän und Wolfram müssen zur Liste hinzugefügt werden. Die neue Bestimmung der Materie und der Materialien ist es, die Elektronen mit der Energiemenge in Form von Wärme und Licht zu versorgen, die es erlaubt, die digitale Welt und ihre elektronischen Bestandteile nach Belieben funktionieren zu lassen. Das Silizium bildet im Wesentlichen die Grundlage der gegenwärtigen Elektroindustrie. Das Silizium die eines der ikonischen Materialien des Künstlichen.“[6]
Zugleich schaffen diese Materialien neue theologisch relevante Zusammenhänge und eigenartige Zwischenräume. Sie werden deutlich, wenn man sich einem konkreten technischen Objekt nähert, dem Bildschirm[7]. Er steht im Zentrum der genannten Technologien. „Der Bildschirm ermöglicht die Begegnungen zwischen verschiedenen Individualitäten, die innerhalb des physischen Raumes, in der Zeit, so sogar ontologisch weit voneinander entfernt sind. Er ist ein Bindemittel und ein Verbindungserzeuger, aber auch eine Art Altar und Zufluchtsort.“[8] Über das menschliche Auge, das in der Lage ist, Lichtsignale in hoher Geschwindigkeit aufzunehmen und zu interpretieren, ermöglicht der Bildschirm „das Eintauchen in eine digital geschaffene, künstliche Welt. Diese Welt ist zugleich real und imaginär.“[9] Mbembe schreibt von einer „Heirat zwischen Technologie und Religion“[10], und beobachtet, dass technologische „Dispositive“ inzwischen „in die Ausübung des Kultes und die Glaubenspraxis integriert“[11] integriert werden. „Die Religionen verstehen sich darauf, die digitalen Informations- und Kommunikationstechniken zu nutzen, um Worte und Bilder zu überbringen, neue Kultformen vorzuschlagen, Texte und Praktiken neu zu deuten, kurz sie verstehen sich darauf, eine neue Ordnung des Symbols, der Erlösung und der Gemeinschaft zu setzen.“[12] Insbesondere der Protestantismus in seiner evangelistischen Ausprägung mit seiner Wertschätzung der Gaben des Heiligen Geistes und „der Ausübung geistlicher Talente“[13] biete hier verlockende Anknüpfungspunkte. In diesem Kontext steht dann ein technologisches Objekt im Mittelpunkt eines Rituals, einer Begegnung oder Stimulation. Es ist an sich kein „kultische[s] Objekt[]“[14]. Es ist auch „nicht der Sitz einer Gottheit als solcher“[15]. Aber es finden Transaktionen statt. Durch „Übertragung von Gefühlen, Absichten und Begierden“[16] bilden sich Persönlichkeiten „auf halbem Wege zwischen Gegenständen im strengen Sinn, Geistern und Subjekten“[17].
Diese einzigartigen Beziehungen zwischen Individuen und Objekten deutet Mbembe als Teil ihrer Konsumtion, also Konsumkultur und stellt wiederum, wenn auch nicht ausdrücklich ihre Verbindung zum Kapitalismus her mit folgendem religiösen Impakt: „Die Performanz des Objekts ist ein Schlüsselelement seiner Konsumtion. Fast jedes Objekt bündelt ein Ritual und eine Liturgie oder ermöglicht sie.“[18]
Dabei tauchen auch viele „alte[] metaphysische[] Fragen“[19] wieder auf. „Doch während es gestern meist darum ging, zu bestimmen, ob der Mensch vor allem Körper oder Geist ist, dreht sich die Debatte heutzutage darum, ob er Materie und ausschließlich Materie ist oder letztlich lediglich eine Gesamtheit physikalische und chemischer Prozesse.“
Diese „alten Fragen“ nach dem Menschen kann man wiederum in der Enzyklika vielfältig aufgenommen sehen. In seiner Lektüre[20] der Enzyklika stellt der Ökonom Nils Goldschmidt ihre Bedeutung besonders heraus. Denn menschliche Urteilskraft ließe sich niemals vollständig in technische Intelligenz übersetzen. „Menschen sind nicht vollständig berechenbar. Menschen zögern. Sie missverstehen einander. Sie ändern ihre Meinung. Sie brauchen Stille, Erinnerung und manchmal sogar Umwege.“[21] Menschliche Urteilskraft entstehe dort, wo Menschen sich die Freiheit bewahrten, innezuhalten.
Mit den Worten der Enzyklika: „In einer Welt, die voll ist von Machenschaften, die darauf abzielen, Märkte zu erobern und Einflussbereiche zu vergrößern – oft verschleiert durch beschwichtigende Rhetorik und verführerische ideologisch Konstrukte – , verspürt unser Herz die Notwendigkeit, eine andersartige, weise und gütige Bestimmung zu entdecken, ähnlich der, die Maria im Magnifikat besingt: Gott erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht aller, die ihn fürchten. Dieser barmherzige Plan setzt sich durch die Geschichte hindurch bis in die Gegenwart mit all den rasanten und unruhigen Entwicklungen, die von Algorithmen und globalen Netzwerken geprägt sind, fort und wird zum Kompass für ein dem Evangelium entsprechendes Leben im digitalen Zeitalter.“[22]