Die evangelische Erzählung sagt nichts über den Moment der Auferstehung selbst. Die Ikonographie bleibt dieser Stille treu aus großem Respekt vor dem Mysterium. Den Schriften folgend gibt es also nur zwei ikonographische Kompositionen der Auferstehung: „Den Abstieg in die Hölle (enfers)“ und „Die salböltragenden (myrrhophores) Frauen am Grab“. Sie sind die beiden einzigen Ikonen zum Osterfest.
„Du bist hinabgestiegen in die Erde, um Adam zu erlösen. Und als Du ihn dort nicht gefunden hast, o Meister, bist Du ihn bis in die Hölle suchen gegangen“ (Morgengebet am Karsamstag). Um an die Extremität des Falles zu rühren und sich an das „Herz der Schöpfung“ zu stellen, wird Christus mystisch in der Hölle geboren, dort, wo das Böse (le mal) hin kroch in seiner höchsten Verzweiflung. Die Ikone der Geburt zeigt bereit die dichte Dunkelheit der Grotte, ein dunkles Dreieck, in das das Jesus Kind gelegt ist wie in die dunklen Gedärme der Hölle. Die Geburt neigt die Himmel herab bis in die Tiefen des Abgrunds: „Lichttragende Fackel, das Fleisch Gottes vertreibt unter (sous) der Erde das Dunkel der Hölle“. Was die Geburt prophetisch voraussieht, realisieren die Epiphanie, das Kreuz und der Abstieg in die Hölle. Seitdem „leuchtet das Licht in der Dunkelheit“. Wie es der heilige Gregor von Nyssa sagt: „Die Sonne eist mit Ihm untergegangen, aber Er vertreibt das Dunkel des Todes für immer“. Diese Sonne ist gemeint, wenn die Bibel das Wort ausspricht: „Es werde Licht“. In der Liturgie folgen wir seinem Gang durch die Geschichte der Welt. Auch das Licht ist gekreuzigt, denn es ist das Licht der Dreifaltigkeit.
Die Ikone der Epiphanie zeigt Christus, der in den Jordan steigt. Er wird auch „flüssiges Grab“ (tombeau liquide) genannt, Abgrund der wasserhaften Materie (matière aquatique), die die Kräfte der Bösen birgt. Christus dringt in sie ein, um die Menschheit aus diesem dunklen Ort heraus zu reißen. Die Taufe des Herrn ist bereits ein Abstieg in die Hölle im Voraus. „Ewiges Wort, Du gibst dem Menschen seine Jugend, die er in Verirrung ruiniert hat, zurück; er wird mit Dir in den Fluten begraben.“
Die ursprüngliche Katechese lenkt die Aufmerksamkeit auf diesen Aspekt des Sakramentes der Taufe, der im Laufe der Geschichte in Vergessenheit geriet: Die Taufe reproduziert durch das Eintauchen (immersion) die ganze Heilsgeschichte, der Getaufte durchläuft (parcourt) sie auf den Spuren des Herrn. Das Sakrament der Taufe ist als ein sehr realer Abstieg mit Christus in den Tod und auch ein Abstieg in die Hölle. Der heilige Johannes Chrysostomos sagt es so: „Die Aktion des Hinabsteigens ins Wasser und des anschließenden Wiederaufsteigens symbolisiert den Abstieg in die Hölle und das anschließende Verlassen dieser Stätte.“ So ist die Taufe nicht nur ein Sterben und Auferstehen mit Christus, sondern auch ein Absteigen in die Hölle und ein Wiederherauskommen in seiner Nachfolge. Die Hölle ist also noch furchterregender als Der Tod. Dies lässt an ein geistliches Wort Denken: „Das Nichts, das sie suchen, wird ihnen nicht einmal gegeben“, denn hier ist ein endgültiger Sieg errungen.
Christus steigt dort hinab, beladen mit Sünde. Er trägt die Stigmata des Kreuzes, der gekreuzigten Liebe. Auch der getaufte und mit Christus auferstandene Mensch trägt die Stigmata der priesterlichen Sorgen des Christus-Priesters, seiner apostolischen Angst um das Schicksal derer, die in der Hölle sind. Er kann zu Lebzeiten hinabsteigen, selbst heute, in die Höllen der modernen Welt. In einem Zustand höchster Verweigerung kann der getaufte Mensch dort das Zeugnis des Lichtes Christi hintragen. In einer bildlichen Form kommt diese Sorge im Hirten des Hermas und bei Clemens von Alexandrien zum Ausdruck. Die Apostel und die Kirchenlehrer steigen nach ihrem Tod zur Hölle hinab, um das Heil zu verkünden und denen die Taufe zu spenden, die darum bitten.
Zu den Charismen des johannäischen Orients, der so sensibel für die Auferstehung ist, zählt das Thema der Hölle wie es in seiner liturgischen und ikonographischen Tradition dargestellt ist. Dieses Thema hat bereits der heilige Paulus in einer zusammenfassenden und überzeugenden Form im Epheserbrief (4, 9-10) bearbeitet: „Er ist aufgestiegen, was soll das anderes heißen, als dass er zuvor abgestiegen in die Regionen unter der Erde? Und der, der abgestiegen ist, ist derselbe, der auch aufgestiegen ist über alle Himmel, um alles zu erfüllen (remplir).“ Man erkennt die erstaunlichen Weite dieses Weges: kata, ana, hinunter, hinauf, die äußersten Enden des Laufes des geflügelten Lammes; der Abstieg bis zum untersten Punkt – die Hölle, und der Aufstieg bis zum Höchsten Punkt – der Himmel (ciel). Der Orient hält staunend inne vor „der Höhe und der Tiefe“ des Heilsmysteriums und erkennt in ihm die Dimensionen der Liebe Christi und seiner triumphalen Botschaft: „Als er zu Höhe aufstieg, hat er die Gefangenen mitgenommen“ (Eph 4,8).
Überlassen wir das Wort dem heiligen Epiphane in seiner großartigen Predigt zum Karsamstag: „Wer ist der? Eine große Stille herrscht heute über der Erde, eine große Stille und eine große Einsamkeit. Eine große Stille, denn der König schläft. Die Erde hat gebebt und sich beruhigt, weil Gott eingeschlafen ist im Fleisch und weil er sich aufgemacht hat, alle diejenigen aufzuwecken, die seit Jahrhunderten schlafen. Gott ist tot im Fleisch und die Hölle ist zusammengezuckt. Gott ist eingeschlafen für eine kurze Zeit und er hat diejenigen vom Schlaf geweckt, die in der Hölle waren…“
Er geht Adam, unseren ersten Vater suchen, das verlorene Schaf. Er will alle die aufsuchen, die Dunkeln und im Schatten des Todes sind… Steigen wir mit ihm hinab, um den Bund zwischen Gott und den Menschen zu sehen… dort sind Adam, Noah, Abraham, Moses, Daniel, Jeremias und Jonas… Und unter den Propheten ist einer, der schreit: „Aus dem Bauch der Hölle, höre mein Flehen, höre meine Schreie!“ und ein anderer: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir. Herr, höre meine Stimme!“ Und noch ein anderer: „Lass Dein Angesicht leuchten, und wir sind gerettet!“…
Adam ist tiefer gefangen als alle anderen… er sprach so: „Ich höre die Schritte von jemandem, der zu uns kommt!“ Und noch während er sprach, kam der Herr hinein und hielt seine siegreiche Waffe, das Kreuz. Voll Erstaunen ruf Adam zu den anderen: „Mein Herr sei mit euch allen!“ Und Christus antwortete Adam: „Und mit deinem Geist…“ Erhebe dich vom Tod, ich bin dein Gott und wegen dir bin ich dein Sohn geworden… steh auf, lass uns von hier fort gehen, denn du bist in mir und ich bin in dir, wir bilden beide eine einzige und unteilbar e Person… steht auf, lasst uns fortgehen von hier, vom Schmerz zur Freude… mein himmlischer Vater erwartet sein verlorenes Schaf… der Hochzeitssaal ist vorbereitet… die ewigen Zelte sind aufgestellt… dieses Himmelreich erwartet euch, es existierte vor allen Zeiten…“ […]
Die beiden Adams koinzidieren jetzt und identifizieren sich nicht mehr in der Kenose der Inkarnation, sondern in der Glorie der Parusie. „Derjenige, der zu Adam gesagt hat: „Wo bist du?“ ist auf das Kreuz gestiegen, um den zu suchen, der verloren war. Er ist in die Hölle hinabgestiegen und sagte: komm also mein Bild (image), meine Ähnlichkeit (ressemblance)“ (Hymnus vom heiligen Ephraim). […]
Zwischen dem Abstieg zur Hölle und der Erscheinung des auferstandenen Christus liegt ein Mysterium umgeben von Stille und absolut unerreichbar für den menschlichen Blick.[1]
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„Der Sprung 13. 02. 2022
Das Trusso-Tal liegt in Georgien, in der Nähe des Kasbek. Der 240 Meter höher als der Mont Blanc ist. In dieses langgezogene Tal gelangt man über die Große Heerstraße, die direkt nach Norden führt, nach Russland, die Hauptstraße vieler Kriege. Bis zum Ende der Sowjetunion lebten im Trusso-Tal noch Hunderte Menschen in achtzehn Dörfern, vor allem Osseten, eine kaukasische Minderheit. Noch vor dem russisch-georgischen Krieg im August 2008, in der Krise der Neunziger Jahre, wurde es dann fast unmöglich, hier zu überleben. Nun sind die Nonnen die Einzigen, die noch da sind. Für mich nannte ich das Tal stets „Tal der Tränen“. Hier kommt alles zusammen – die Verlassenheit und der Krieg, die offenen Wege, die durch Schluchten und Grenzen versperrt sind, und das Wunder des Anfangs: Oben, aus dem Gletscher entspringt der legendäre Fluss Terek, der durch Georgien fließt und dann nach Russland, durch Tschetschenien und Dagestan bis ins kaspische Meer.“[2]
„Das Unvorstellbare 25.02.2022
Tschetschenien, Georgien, Krim, Ostukraine, Syrien – die Eskalation der putinschen Kriegsverbrechen ist lupenreine Faktographie. Wenn nicht schon vor 15 Jahren, dann spätestens seit acht Jahren war es klar, dass Putin ein Kriegsverbrecher ist und nicht aufhören wird.“[3]
„Mein Kiew! 06. 03. 2022
Was ist das Bild des Krieges? Ein zerstörter Platz der Freiheit in Charkiw? Oder eine Frau, die ihr Kind während des Luftallarms im Keller entbunden hat? Obdachlose, die Molotowcocktails vorbereiten? Eine Rakete, die Babyn Jar trifft? Flüchtlinge an den Grenzen, zerstörte Häuser, halbleere Städte […] Ich halte dieses zufällige Bild aus meinem iPhone für eine Ikone, für ein Amulett gegen all die Zerstörung, ein Bestandteil des ukrainischen Widerstands. Ich sehe meine Stadt im dokumentarischen Schwarz-Weiß, ich kann das Geschehen nicht fokussieren. Alles in meinem Kopf ist genau festgehalten – und doch ist es unfassbar in der Realität. Ich fotografiere Lawra, das älteste Kloster Kiews, viel zu oft, wie verzaubert, wie in einem Ritual, jedes Mal, wenn ich in Kiew bin. Ein historisches Dokument meiner ungeschickten Liebe, die U-Bahn, mein Weg zur Schule. Ich habe viele Schwarz-Weiß-Bilder von Kiew aus dem Zweiten Weltkrieg gesehen. Auch das mit einem deutschen Soldaten, der auf diesem Glockenturm steht und in die Ferne schaut.“[4]
„Der Sternenregen 05. 50. 2022
An jedem Tag, als ich diesen Sternenregen aus der Ukraine gesehen habe, war ich in Dresden. Das Gerippe der zerbombten Elbstadt verfolgte mich, sickerte durch alles hindurch, was ich sah. Die Bilder der zerstörten Stadt von damals und der anderen, ukrainischen Städte von heute legen sich übereinander. Die neuen riesigen Häuser, die großzügigen Boulevards in spätsozialistischen Stil, die wiederaufgebaute Dresdner Altstadt selbst – alles tat mir weh. Das zerbombte Gerippe trat immer wieder auf, mit dem berühmten aus dem Himmel fragenden Engel, mit seinem allwissenden bitteren Lächeln. Der Sternregen ging den ganzen Tag vor meinen Augen nieder, in meinem Inneren, Ruinen waren in mir, eine Welt voller leerer, zerstörter Orte. Wir sind mit dem Zweiten Weltkrieg noch nicht fertig, weder mit seinen Toten noch mit den kleinen Schicksalen und Erzählungen darüber.“[5]
„Isjum 02.10. 2022
Es gibt hunderte von Fotos von Exhumierungen. Instagram ist voll von Bildern, die kaum eine Zeitung zu publizieren wagt. Diese Bilder Zeigen, was russische Eroberung bedeutet: Es gibt kein anderes Ziel als Vernichtung. In Isjum sind 80 Prozent der Infrastruktur ruiniert, es gibt kein Wasser und keinen Strom. Die Menschen auf dem Foto ermöglichen eine letzte Ehre – die Beerdigung. Ohne ihre Arbeit wären eine Identifizierung und weitere medizinische und forensische Untersuchungen nicht möglich.“[6]
„Viktoria 16. 07.2023
Ihr Tod hat uns alle wie ein Abpraller getroffen. Es gab genügend schwere Wochen, aber diese war besonders. Menschen, die lange Zeit nicht kommuniziert hatten, schrieben einander: ‚Halte durch‘ – und es war klar, dass es um Vika geht, Viktoria Amelina. Nun sind schon fast zwei Wochen vergangen, seit die russische Rakete sie tötete […] Gerade eben noch war sie in Kyjiw auf der Buchmesse ‚Arsenal‘, […] hatte das Tagebuch des von Russen getöteten Kinderbuchautors Wolodymyr Wakulenko vorgestellt. Sie selbst hat es dort aus der Erde ausgegraben, wo der Autor es versteckt hatte, als die Russen kamen. Wakulenko wurde im Massengrab von Isjum gefunden. Vika hat sein Buch herausgegeben, sie hat sich für ihn eingesetzt wie für viele andere. […]. Ich glaube, dass ich in meinem ganzen Leben weniger häufig ein Madonnenbild gesehen habe als das Gesicht von Vika in den vergangenen Wochen. Oft sagte sie selbst, dass man als Schreibende zwischen Schrei und Schweigen lebe.“[7]
„Babuschka in Rot 20. 10. 2024
Als ich diese Babuschka gesehen habe, war es wieder wie in den ersten Tagen des Krieges. Die Unmöglichkeit der Worte. Nur ein kurzes Aufblitzen. Eine rot gekleidete alte Frau. Weiße Laken. Hände von Menschen. Winzig kleines Wesen, wie ein Kätzchen oder Vögelchen. Und ihr verwirrter Blick. Zuerst blieben die Worte in mir stecken. Ein leichter Taumel ging durch meine Glieder. Mein innerlicher Absturz wiederholte den der Babuschka, die tief versunken in einem Tuch lag. Etwas Christologisches war in diesem Bild, die rote Alte auf dem weißen Leintuch, wie eine kleine Beere, wie ein Tropfen Blut – wie Vernachlässigte und Kranke auf den alten Bildern, sie ist in der Schwerelosigkeit ihrer Situation versunken, auf Menschen angewiesen, die sie irgendwohin tragen.“[8]
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Wir kommen direkt zur zweiten Ikone des Diptychons der Auferstehung. Sie zeigt die salbölbringenden (myrrhophores) Frauen, die zum Grab gekommen sind. Sie tragen Gewürzgefäße. Auf der Ikone von Rubljow oder aus seiner Schule, haben die Frauen die frappierende Form eines Straußes aus drei Blumen von erstaunlicher Eleganz – sie sind wie ein geheimnisvoller Reflex der dreifaltigen Einheit.
Meistens sieht man zwei weiß gekleidete Engel, „einen am Kopf, den anderen zu Füßen“. Sie Sagen zu den Frauen: „Er ist nicht mehr hier; er ist auferstanden“ Sie zeigen das leere Grab mit den Totentüchern und diese Tücher haben genau die Form der Windeln des Kindes, das wir auf der Ikone der Geburt sehen. Am Ende ist das alles, was von der Hölle bleibt: Trümmer, Staub, Leere, das Nichts. Das Leben ist anderswo. „Als der andere Jünger (Johannes) eintrat, sieht er und glaubt“ (Joh 20, 8). Und was er sah, zeigt uns die Ikone…[9]
P.S.
Die Kontemplation dieser Ikone initiiert in ihren Symbolismus, der von seltener Tiefe gekennzeichnet ist. Zur Zeit Moses‘ war die Bundeslade verschlossen von einer Platte aus massivem Gold. Sie hieß Kapporeth, das bezeichnet dasjenige, was die Sühne bewirkt (opérer l’expiation) (Ex 25, 21; 37, 6). Dem Ritus nach wird die Kapporeth als der Ort verstanden, an dem Gott mit seinem Volk in Gemeinschaft tritt, um ihm zu vergeben. „Dort werde ich dir begegnen“, „von dort aus werde ich mit dir sprechen“. Daher kommt auch der Name „Zelt der Begegnung“. Den Anordnungen Gottes folgend, hat Moses dort einen Cherub an einem Ende und einen weiteren am anderen Ende“ sitzen lassen. Die Cherubim haben ihre Flügel nach oben aufgestellt und so den Ort beschützt. Der Ikonograph hat die Kapporeth genau so dargestellt und bietet auf diese Weise den Schlüssel zu einer Korrespondenz. Die Kapporeth und das „Zelt der Begegnung“ waren symbolischen Figuren. Als Präfiguren nehmen sie prophetisch die Begegnung der beiden Adams vorweg und die Stelle, an dem das Mysterium des Heils vollendet wird. Seine Macht hat schon aus dem Ort an sich ein so starkes Zeugnis gemacht, das Johannes „sah und glaubte“. [10]